Gastkommentar

Was ist noch national am Fußball?

Über den Missbrauch des Nationalen beim Handel von Fußballprofis.

Der in Deutschland geborene „türkischstämmige“ Mesut Özil, der als Angehöriger des britischen FC Arsenal in der deutschen Fußballnationalmannschaft spielt, schenkte sein verschwitztes Trikot „seinem“ türkischen Sultan Erdoğan. Das Foto über diese staatstragende Tat empörte die germanische Seele, worauf Özil als Wiedergutmachung sich mit „seinem“ deutschen Bundespräsidenten Steinmeier ebenfalls ablichten ließ.

 

Córdoba liegt in Klagenfurt

Aber es kommt noch schlimmer! Der waschecht „deutschstämmige“ Fußballtrainer Franco Foda hetzt die ihm anvertrauten österreichischen Ballesterer gegen seine eigenen deutschen Landsleute, und die Ösis schlagen den germanischen Weltmeister mit 2:1! Und Foda zeigt nicht einmal Reue, d. h. kein gemeinsames Foto mit „seinem“ Staatsoberhaupt Steinmeier! Foda hat „seine“ deutschen Landsleute mit „seinen“ Ösis geschlagen; ein zweites Córdoba! Damals, 1978 in Argentinien, waren es 3:2, jetzt in Kärnten also 2:1.

Das schändliche „Freundschaftsspiel“ (in Gegensatz zum „Feindschaftsspiel“ bei einer WM) musste wegen des Sturmregens in Kärnten sogar unterbrochen werden. Worauf der ORF seinen Bericht über den Regenbogenball der spärlich Bekleideten verschieben musste. Live-Fußball gegen Life-Ball, das nenn ich Brutalität! Welttorhüter Manuel Neuer musste diese zwei „österreichischen“ Ballschüsse buchstäblich über sich ergehen lassen: durch Martin Hinteregger vom FC Augsburg und Alessandro Schöpf vom FC Schalke 04, zwei durchwegs nicht österreichische Vereine! Sind es nun Deutsche, Österreicher, Bürger beider Staaten oder keines von beiden? Staatsbürger wird man entweder nach dem „Blutsbruderschafts“-Prinzip Ius sanguinis, d. h. nach der ethnischen Abstammung, wie etwa in Deutschland und Österreich. Oder nach dem „Vaterlands-Schollen“-Prinzip Ius soli durch den geografisch definierten Geburtsort, wie z. B. in Frankreich. Im Klartext: Wer im Land geboren wurde, ist automatisch dessen Staatsbürger. Ich möchte diese Dualität zum aktuellen Anlass mit einer dritten Form erweitern, dem „Menschenhandel“-Prinzip der Käuflichen auf dem globalen Gladiatorenmarkt. Wer in seiner momentan gerade aktuellen „National“-Mannschaft beim Sprinten, Austricksen, Torschießen der Schnellste und Brutalste ist, braucht weder „blutsverwandt“ noch „bodenständig“ zu sein. Auch braucht er weder die Nationalhymne zu singen, noch die Landessprache zu verstehen.

Damit aber wird der Begriff „National“-Mannschaft zur Farce. Ohne jetzt hier diskutieren, was eigentlich eine Nation ist, ob es ein gesamtdeutsches oder gar ein bayerisches Nationalgefühl geben kann; ganz zu schweigen von der österreichischen Nation vor und nach dem Zerfall der Monarchie, „als Böhmen noch bei Österreich war“, wie seinerzeit gesungen wurde. Aber auch die bis heute unerschütterliche, natiomorphe Identitätsoffenbarung „Tirol is lei oans“ im Heiligen Land lässt grüßen.

 

Nennt es Staatsmannschaft

Alles zutiefst menschliche Regungen, die wir respektieren sollten. Nicht aber den Missbrauch des Nationalen beim internationalen Menschenhandel von Fußballprofis auf der Tauschbörse der Millionärsvereine rund um das runde Ding. Die käuflichen Gladiatoren verpflichten sich, wie Fremdenlegionäre, dem Staat, nicht aber der Nation gegenüber. Deshalb sollte es deutsche oder österreichische Staatsmannschaft heißen! Lassen wir die Kirche, sprich Nation im Dorf, im Land, in der Sprachgemeinschaft – in der Heimat also, auch wenn dieser Begriff heute für viele ach so schrecklich altmodisch klingt!

Prof. DDr. Antal Festetics lehrt Wildbiologie an der Universität Göttingen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2018)

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