Gastkommentar

Deutschklassen: Autonomie statt Diktat von oben

Replik. Das Ziel steht außer Streit, der Weg der Regierung aber führt die Schulen ins Chaos.

In seinem Gastkommentar vom 8. Juni hat Bildungsminister Heinz Faßmann wortreich die für Herbst geplanten Deutschklassen verteidigt, dabei aber seiner Argumentation eine falsche Prämisse zugrunde gelegt. Nämlich die, dass bisher in Sachen Deutschförderung nichts geschehen sei. Herr Bundesminister, bleiben Sie bei den Fakten! Es ist nämlich schlicht nicht wahr, dass man erst jetzt mit der Deutschförderung an Schulen beginnt. Im Gegenteil: Infolge der Flüchtlingskrise 2015 wurde von der damaligen SPÖ-ÖVP-Regierung rasch mit einem umfassenden Konzept reagiert. Denn beim Ziel sind wir uns einig: Alle Kinder sollen ordentlich Deutsch lernen.

 

Beim Ziel sind wir uns einig

2016 wurden deshalb Sprachstartgruppen mit elf Wochenstunden Sprachunterricht sowie Sprachförderkurse ebenfalls im Ausmaß von elf Wochenstunden, jedoch integrativ im Unterricht, eingeführt. Beides mit Gestaltungsspielraum am Schulstandort. Beschlossen war, Anfang 2019 zu überprüfen, wie diese Maßnahmen gewirkt haben. Das wurde abgesagt. Es enttäuscht mich, dass gerade ein Wissenschaftler wie Faßmann eine wissenschaftlich basierte Vorgangsweise – also Maßnahmen zu überprüfen, bevor man sie durch Neues ersetzt – verlässt. Offensichtlich gibt es eine klare Anordnung: Der Bildungsminister muss die Wahlkampfslogans von VP-Chef Kurz und FP-Chef Strache umsetzen.

Dem türkis-blauen Populismus ist leider auch der Integrationstopf mit 80 Millionen Euro zum Opfer gefallen. Das bedeutet: 450 Sprachpädagogen, 250 Integrationspädagogen, 85 Sozialarbeiter und zahlreiche Mobile Teams wurden gestrichen. Wie man mit weniger Personal bessere Ergebnisse erzielen möchte, ist unklar.

Die Kritik an den Deutschklassen, die die Regierungsparteien nun beschlossen haben und die im Herbst umgesetzt werden sollen, ist jedenfalls breit: Der Großteil der rund 60 Stellungnahmen von Experten und Praktikern im Begutachtungsprozess war negativ.

Die wesentlichen Kritikpunkte:
? Mit diesen Deutschklassen wird Schulstandorten ein starres Korsett aufgezwungen. Es macht aber pädagogisch und organisatorisch einen Unterschied, ob ich an einem Schulstandort fünf, 15 oder 40 Kinder mit Deutschförderbedarf habe. Unser Ansatz war: Autonomie der Schulen statt Diktat von oben. Die Regierung geht jetzt leider den umgekehrten Weg.
? Die Bildungswissenschaft sagt eindeutig, dass Kinder am besten von anderen Kindern und im fachbezogenen Unterricht Deutsch lernen, also so wenig wie möglich separiert werden sollen. Dies zeigt etwas auch der direkte Vergleich in der Wiener NMS Schopenhauerstraße: Da wurde eine eigene Flüchtlingsklasse parallel zu integrativen Klassen eingerichtet. Es hat sich gezeigt, dass jene, die direkt in der Klasse integrativ Deutsch gelernt haben, wesentlich schneller waren.

 

Klassenräume, Lehrplan fehlen

? Der Zeitfaktor. Der vorgeschriebene Start der Deutschklassen im Herbst stellt viele Schulen vor massive organisatorische Probleme. Es fehlen Klassenräume, es fehlt der Lehrplan, und auch die Zuteilung der Lehrerinnen und Lehrer ist noch nicht erfolgt. Insofern ist es verständlich, dass viele Direktoren massiv protestieren. Auch die ÖVP-Lehrergewerkschaft hat gefordert, den Start um ein Jahr zu verschieben.

Mein Appell an Minister Faßmann: Gehen Sie einmal einen Schritt zurück, schauen Sie sich an, wie die bisherigen Maßnahmen gewirkt haben, überdenken Sie das Konzept – und ersparen Sie den Schulen im Herbst ein Chaos!

Sonja Hammerschmid war von Mai 2016 bis Dezember 2017 Bildungsministerin, seit Herbst 2017 ist sie Abgeordnete zum Nationalrat und Bildungssprecherin der SPÖ.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Deutschklassen: Autonomie statt Diktat von oben

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.