Priester: Oft sexuell unreif?

Die zölibatäre Lebensform leistet pädophilen Neigungen Vorschub.

Was Insider längst wussten, tritt in erschreckender Deutlichkeit zutage: In katholischen Erziehungseinrichtungen, speziell Internaten, wurden weit mehr junge Menschen, zumal Jungen, Opfer von sexuellen Übergriffen – und werden es teils nach wie vor. Die verantwortlichen Bischöfe stehen unter Zugzwang. Es ist zumindest im Ansatz Genugtuung, dass „restlose Aufklärung“ gefordert wird und Worte der Entschuldigung gefunden werden.

Unverständlich aber ist, dass auch in dieser prekären Situation der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Zollitsch, in der „Welt am Sonntag“ (28.2.) verlautbart: „Sexueller Missbrauch von Kindern ist kein spezifisches Problem der katholischen Kirche.“ Es habe nichts mit der katholischen Sexuallehre zu tun, auch nichts mit dem Zölibat. Spätestens seit den gründlichen Studien des US-Psychologen Richard Sipe (Sexualität und Zölibat, Paderborn 1992) ist erwiesen, dass die zölibatäre Lebensform, insbesondere die zu dieser hinführende Sozialisation (oft Internat, dann Priesterseminar), pädophilen Neigungen Vorschub leisten kann. Sipe führte Interviews mit 1000 Priestern sowie 500 Personen, die mit Priestern Sexualkontakte hatten, teils Geliebten, teils Opfern. Er konstatierteeine „Hemmung der psychosexuellen Entwicklung“, die bei Zölibatären häufiger ist als in der Durchschnittsbevölkerung (S. 198f.). Damit bestätigte er frühere Studien, so die des katholischen Psychologen Eugene Kennedy: Eine besorgniserregend hohe Quote (57%) von Priestern hatte demnach nicht alle Stadien des psychosexuellen Reifungsprozesses durchlaufen („The Catholic Priest in the US: Psychological Investigations“, 1972).

Vielen Priestern werde „das Ausmaß ihrer entwicklungspsychologischen Defizite und sexuellen Neigungen erst nach der Ordination bewusst“ (Sipe, S. 200). Diese Retardierungen, in der Priesterausbildung zu wenig aufgearbeitet, erklärten, warum solche Zölibatäre – die meisten Priester lassen sich diesbezüglich nichts zuschulden kommen! – bevorzugt jüngere Menschen bedrängen, „die sich auf der gleichen Stufe der Unreife befinden“ (S. 207), bzw. warum sie ihre Libido nicht auf erwachsene Partner richten. Offen bleibt, ob die entsprechende Lebensform im Schoße von „Mutter“ Kirche – ein bezeichnendes Bild – junge Menschen mit problematisch unreifen Neigungen anzieht, oder ob solche durch kirchliche Sozialisationsinstanzen erzeugt werden – am wahrscheinlichsten ist eine sich verstärkende Wechselwirkung.


Keine biblische Vorschrift

Sexueller Missbrauch von Kindern ereignet sich in allen gesellschaftlichen Schichten, am häufigsten in den Familien. Aber häufiger ist er auch in Institutionen, in denen zölibatäre Priester wirk(t)en; für die evangelische Geschwisterkirche, in der solches auch geschieht, ist Kindsmissbrauch nicht ein dermaßen gravierendes Problem. Dem Zölibat diesbezüglich eine Generalabsolution zu erteilen, ist angesichts so vieler kindlicher Missbrauchsopfer unangemessen und verantwortungslos.

Ohnehin: Der Zölibat, im Widerspruch zur biblischen Option stehend, der Bischof solle nur ein Mal verheiratet sein (1Tim 3,2), ist eine kirchenrechtliche Bestimmung und kann jederzeit freigegeben werden; 90% der Österreicher sehen dies auch so. Dies müsste mit weiteren Reformschritten einhergehen, wie sie das Kirchenvolksbegehren schon längst gefordert hat, insbesondere mit einer entkrampfteren, lustvolleren, letztlich: biblischeren Einstellung zur Leiblichkeit – und deren stärkster Triebfeder, der Sexualität, für deren Unterdrückung der Zölibat symptomatisch ist. Paulus schrieb: „Es ist besser zu freien als von Begierde verzehrt zu werden“ (1 Kor 7,9).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2010)

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