Replik

Notleidende als Spielbälle

Es ist alarmierend, wie selbstverständlich Hilfsorganisationen die Schuld für die Flüchtlingskrise im Mittelmeer gegeben wird.

Anfang dieser Woche schrieb Hans Winkler in seinem „Déjà vu“ (26. 6.) über die Krise im Mittelmeer, und behauptete über das Rettungsschiff Aquarius von Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée, bei dessen Einsatz zur Rettung von Flüchtlingen und Migranten aus Seenot handle es sich um ein „Geschäftsmodell“.

Das ist ein bedenklicher Vorwurf, den wir nicht zum ersten Mal hören. Wer sich näher mit den Ereignissen im Mittelmeer auseinandersetzt, versteht jedoch rasch, dass Behauptungen wie diese nicht nur nachweislich falsch sind, sondern vom eigentlichen Problem ablenken sollen: Europas Politiker schaffen es einfach nicht, eine menschliche, praktikable und rechtskonforme Lösung für jene Verzweifelten zu finden, die aus der libyschen Hölle zu fliehen versuchen. Vielmehr zeigt sich immer klarer: Europa ist dabei, im Umgang mit Flüchtenden endgültig seinen moralischen Kompass zu verlieren.

Ärzte ohne Grenzen rettet Menschen, weil diese sonst ertrinken würden. Unsere Mission lautet: Menschenleben retten, die Überlebenden medizinisch versorgen. Das hat nichts mit einem „Geschäft“ zu tun, wie Winkler uns unterstellt. Vielmehr orientieren wir uns am humanitären Imperativ: Wir leisten dort Hilfe, wo Menschen in Not sind, und fragen nicht zuerst nach Herkunft oder legalem Status. Wir agieren unabhängig von wirtschaftlichen oder politischen Interessen.

 

Im Einklang mit dem Recht

Dass wir im Mittelmeer Leben retten, ist nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich fest verankert: Unser Einsatz findet strikt in Einklang mit dem internationalen Seerecht und dem humanitären Völkerrecht statt, und wird von den italienischen Behörden koordiniert. Die Behauptung, die Einsätze der Aquarius fänden in libyschen Hoheitsgewässern statt, ist ebenso alt wie falsch – und zeugt von schlechter Recherche.

Natürlich wissen wir, dass wir nur Symptombekämpfung betreiben. Seenotrettung bietet keine Lösung für das dahinterliegende politische Problem. So komplex die gesellschaftliche Debatte über Flucht und Migration aber auch sein mag, so eindeutig ist die Realität, die wir vor Ort vorfinden: Keine Rettungsschiffe bedeutet mehr Tote. Das hat sich vergangene Woche gezeigt: Während die Aquarius wegen des politischen Hickhacks den Umweg nach Spanien machen musste, sind laut UNHCR über 220 Menschen ertrunken.

Das bringt die Zahl der Ertrunkenen heuer bereits auf 1000. Über diese Toten hört man jedoch kaum etwas. Man hört auch nichts über jene 9500 Männer, Frauen und Kinder, die von der libyschen Küstenwache abgefangen und ins Bürgerkriegsland zurückgebracht wurden – wo sie Misshandlungen, Folter, Versklavung ausgesetzt sind. Ausgerechnet dort wollen manche nun EU-Asylzentren errichten.

Es ist leicht, vom Schreibtisch aus den NGOs die Schuld in die Schuhe zu schieben und sie für die Situation im Mittelmeer verantwortlich zu machen. Das ist aber genauso absurd, als würde man einem Notarzt die Schuld für einen Unfall geben, weil er das Leben des Verunglückten rettet. Vergessen wir nicht: Es sind unsere Politiker, die die Verantwortung für langfristige Lösungen tragen. Helfer anzugreifen ist keine Lösung, sondern kostet weitere Menschenleben.

Mario Thaler ist seit 2011 Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Österreich.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2018)

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