Verlorene Pillen

Europa zeigt bei der Minimierung der Preise für Medikamente seine ganze Innovationskraft. Mit gravierenden Folgen.

Zum „Presse“-Themenschwerpunkt „Medikamente werden zur Mangelware“ (7.7.) ist Folgendes zu sagen: Seit der Krise 2008 gibt es in den EU-Staaten unablässigen Preisdruck auf Medikamente auf allen Ebenen. Während Medikamente davor einen ausverhandelten Preis erhielten, der über Jahre konstant blieb, werden seit zehn Jahren die Medikamentenpreise auf verschiedene Art nach unten gedrückt.

Fast scheint es, als hätte sich Europas Innovationskraft bei Erfindungen und Entdeckungen monoton auf Methoden der Preisminimierung hin verschoben, während niemand etwas dabei findet, wenn beispielsweise Mieten ständig steigen und der Grad der Innovation einer Miete relativ bescheiden sein dürfte.

Da Medikamentenkosten nur zehn bis zwölf Prozent der Gesamtkosten im Gesundheitssystem ausmachen, liegt es auf der Hand, dass das System nicht durch noch so große Einsparungen in diesem Bereich gerettet werden kann, sondern nur durch Optimierung der übrigen 90 Prozent!

Das seit zehn Jahren trotz Vollkonjunktur anhaltende Preis-Slashing verursacht jedoch eine unmerkliche, potenziell gefährliche und vor allem irreversible Veränderung im Gefüge der Arzneimittel. Es werden nämlich kontinuierlich sehr nützliche, erprobte und gut wirksame Medikamente durch Nachahmerprodukte ersetzt – und auch dann dreht sich die Preisspirale weiter, bis eben nur noch Anbieter aus Indien oder China eine sinnvolle Marge erzielen können.

 

Es geht auch um Geostrategie

Ein Beispiel: Der Preis eines unserer erprobten verschreibungspflichtigen Herzmedikamente beträgt in der Apotheke 1,65 Euro für eine Box mit 20 Tabletten. Eine Schachtel Kaugummi kostet 3,49 Euro. Natürlich sind die Herstellung, Überprüfung, das Fachpersonal und alles Übrige viel aufwendiger für ein Herzmedikament als für Kaugummi. Aber die Preise werden von den Verantwortlichen weiter unablässig gesenkt, bis die Herstellung in Europa aufgegeben werden muss.

Nun ist es so, dass die Wiederzulassung eines alten Medikaments aus zulassungstechnischen und Kostengründen praktisch unmöglich ist. Sobald aber ein bewährtes Medikament am Boden der Abwärtsspirale angekommen ist, ist es für Ärzte und Patienten für immer „verloren“. Ein weiteres Problem ist, dass die Auslagerung wertvoller erprobter Medikamente aus der EU eine gewisse geostrategische Komponente hat. Denn bestimmte Länder verfolgen Strategien, um Wissen und Know-how abzusaugen, und wir sind diejenigen, die es unachtsam verlieren.

Treten dann Probleme in diesen Ländern auf, weil vielleicht doch nicht alles so perfekt funktioniert, dann stehen die Patientinnen und Patienten in Europa plötzlich ohne vertraute Standardmedikamente da. Der Aufschrei ist dann punktuell groß, doch das dahinter ablaufende große Drama wird nicht verstanden.

Was es brauchen würde, wären schlicht untere Floor-Preise für erprobte wichtige Medikamente, um deren qualitativ hochwertige Produktion und Logistik sicherzustellen. Europa sollte diesen essenziellen Bereich der Gesundheitsversorgung nicht für kurzsichtige Einsparungen aus der Hand geben!

Mag. DDr. Wolfgang Wein hat Medizin studiert und war Lektor am Institut für Klinische Pharmakologie, Uni Wien. Seit 2017 ist er Managing Director von Merck Österreich.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2018)

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