Wann ist es zu spät für das Läuten der Alarmglocken?

Hitler-Vergleiche und Übertreibungen sind kontraproduktiv. Dennoch, die Gefahren für die Demokratie sind heute real.

Die heutigen Demagogen mit Adolf Hitler zu vergleichen ist so gut wie immer unklug. Mit einer solchen Panikmache wird der Schrecken des nationalsozialistischen Regimes trivialisiert und die Aufmerksamkeit von unseren eigenen politischen Problemen abgelenkt. Aber obwohl eine solche Übertreibung kontraproduktiv ist, bleibt doch die wichtige Frage: Wann genau geraten unsere Demokratien wirklich in Gefahr?

Was vor ein paar Jahren noch unvorstellbar war, ist jetzt fast normal geworden – ein amerikanischer Präsident, der demokratische Verbündete beleidigt, dafür Diktatoren lobt, die freie Presse einen „Feind des Volkes“ nennt oder Flüchtlinge einsperrt und ihnen ihre Kinder wegnimmt. Wann wird es zu spät sein, um noch die Alarmglocken läuten zu lassen?

Über genau diese Frage wurden hervorragende Bücher geschrieben: Giorgio Bassani beschreibt in seinem erstmals 1962 erschienenen Meisterwerk „Die Gärten der Finzi-Contini“ das Leben der bürgerlichen Juden in der Zeit des Faschismus. Um diese kultivierten Italiener, die ihr komfortables und einflussreiches Leben als selbstverständlich betrachten, zog sich damals Schritt für Schritt eine rechtliche und soziale Schlinge zu. Und alle haben sie dies damals verdrängt – jeder auf seine eigene Weise.

 

Haffner erkannte die Gefahr

Der Vater des Erzählers tritt sogar in die Faschistische Partei ein, während sich die reicheren Finzi-Contini in ihren immer stärker isolierten Familienkreis zurückziehen. Stolz und Mangel an Vorstellungskraft machen sie blind für die Gefahr, in der sie schweben – bis es zu spät ist und sie in die Todeslager deportiert werden.

Auch Sebastian Haffners Memoiren „Geschichte eines Deutschen“ aus dem Jahr 1939, einem Jahr nach seiner Emigration nach Großbritannien, handeln von der menschlichen Unfähigkeit, Entwicklungen zu erkennen. Haffner, der später Journalist und Schriftsteller wurde, war damals als Jurastudent Zeuge, wie die Nazi-Diktatur – ebenso wie die Verfolgung der Juden in Italien – nach und nach immer tödlicher wurde.

Er sah, wie seine Kommilitonen, die keine Nazis waren, all diese rechtlichen Schritte – Rassengesetze, die Aufhebung der Verfassung usw. – allein deshalb akzeptierten, weil sie in juristischen Begriffen verfasst waren.

Nie schien ein Punkt erreicht zu sein, an dem eine untragbare Linie überschritten wurde und nur noch Widerstand oder Exil geholfen hätten. Haffner, der kein Jude war, erkannte die Gefahr: In dem Jahr, als Synagogen angezündet und Juden aus ihren Häusern vertrieben wurden, verließ er sein Heimatland.

Normalerweise gibt es sicherlich mehr Finzi-Continis als es Haffners gibt. Wenn man sich Sorgen macht, kann man nicht gut schlafen. Wenn der Anschein von Normalität erhalten wird, ist das Leben leichter.

Es gibt viele Arten, seinen Kopf in den Sand zu stecken, und einige Parallelen zwischen dem Europa der 1930er und unserer heutigen Zeit sind offensichtlich. Eine ganze Reihe deutscher Unternehmer und Industrieller, die zwar konservativ, aber keine Nationalsozialisten waren, glaubten damals, sie könnten mit Hitler leben – solange sie von ihm finanziell profitierten. Sie betrachteten Hitler als einen vulgären Emporkömmling mit schlechten Manieren, den sie – so dachten sie – schon unter Kontrolle halten könnten.

Historisches Wissen kann Menschen dabei helfen, bestimmte Verhaltensmuster zu erkennen, die in der Vergangenheit zu Gewaltherrschaften geführt haben – also beispielsweise den Angriff auf ein unabhängiges Rechtssystem. Allerdings kann ihr historisches Gedächtnis, das oft mit Mythen durchsetzt ist, Menschen auch daran hindern, die Zeichen für zukünftige Entwicklungen richtig zu erkennen.

 

Verblendung – rechts und links

In Ländern mit einer demokratischen Tradition fällt die Annahme leicht, bei ihnen könne es „nie geschehen, da unsere Institutionen zu stark sind, unser Volk seine Freiheit zu sehr liebt“, oder weil wir „zu zivilisiert“ oder „zu modern“ sind, um in die Barbarei zurückzufallen.

In dieser Hinsicht können Linke ebenso verblendet sein wie Konservative. Nicht nur die Kommunisten (unter Stalin), sondern auch die nichtkommunistischen Linken weigerten sich im Deutschland der 1920er, die zerbrechliche Weimarer Republik zu verteidigen, als sie von den extremen Rechten angegriffen wurde. Die Kommunisten hielten die Sozialdemokraten für eine größere Gefahr als die Nazis, und die linken Intellektuellen, die eigentlich hinter den gemäßigten Parteien hätten stehen müssen, wurden von der dort herrschenden Heuchelei und Korruption abgeschreckt.

 

Polarisierte Gesellschaft

Donald Trump mag zwar kein Wiedergänger Adolf Hitlers sein. Aber dass bisher alle seine Maßnahmen, mit denen er sich von zivilisierten demokratischen Normen entfernt hat, von den Republikanern toleriert wurden, ist bedrohlich.

Schädlich hingegen ist auch das Gerede von extremen Linken, der Unterschied zwischen Trump und Bill Clinton oder Barack Obama liege nur in der Quantität und nicht in der Qualität: Trump verkörpere die Ungerechtigkeiten des Neoliberalismus nur offener als seine Vorgänger im Weißen Haus. In beiden Fällen werden die konkreten Gefahren, die vom heutigen Rechtspopulismus ausgehen, unterschätzt oder ignoriert.

Die viel gescholtene etablierte Presse – dieser „Feind des Volkes“ – ist immer noch stark. Aber ihr Einfluss nimmt ab. Was in der „New York Times“ oder der „Washington Post“ steht, spielt eine geringere Rolle als die Tweets des Präsidenten, die direkt Millionen von Menschen erreichen und die sofort von parteinahen Radio- oder Fernsehsendern aufgegriffen werden.

In einer polarisierten Gesellschaft haben Politiker, die die Menge anstacheln, indem sie Wut und Ängste ausbeuten, oft mehr Erfolg als nicht so interessante Figuren, die eher an unsere rationaleren Tendenzen appellieren.

 

Das Dilemma der Parteien

Politische Parteien, die sich den antiliberalen Trends entgegen stellen, befinden sich in einem ernsthaften Dilemma: Wenn sie auf den jugendlichen Ärger und Idealismus reagieren und sich zu weit nach links begeben, könnten sie wichtige Wähler der Mitte verlieren. Stellen sie aber gemäßigte Kandidaten auf, die sich eher für Reformen als für radikale Änderungen einsetzen, könnten sie die engagierte Jugend verlieren.

Auf jeden Fall aber müssen die Freiheiten verteidigt werden. Das ist nur möglich, wenn die Bedrohungen klar erkannt werden. Glauben die Menschen nicht mehr, dass die Demagogen daran gehindert werden können, ihre schlimmsten Vorhaben umzusetzen, können wir sicher sein, dass es bereits zu spät ist.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Copyright: Project Syndicate, 2018.

Der Autor:

Ian Buruma (* 1951 in Den Haag) studierte chinesische Literatur in Leiden und japanischen Film in Tokio. 2003 wurde er Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College in New York, 2008 mit dem Erasmus-Preis ausgezeichnet. Zahlreiche Publikationen. Buruma
ist seit Frühjahr 2017 der Chefredakteur der renommierten
„New York Review of Books“.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2018)

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