Christen, wo ist Eure Nächstenliebe?

Wir sind gerade eifrig dabei, den weltweiten Marktplatz des fairen Handels und ehrlichen und offenen Dialogs zu ruinieren.

Oh Menschheit, wo ist Deine Menschlichkeit geblieben? Oh Homo sapiens, wo Deine Sapientia? Oh Christen, wo Eure Nächstenliebe, das selbstverständliche Bewusstsein, dass jeder Mensch die gleiche göttliche Würde hat und daher mit demselben Respekt behandelt werden muss wie er selbst beansprucht!?

Oh Europa, das wieder dabei ist, Hass und Zwietracht, dumme nationale Arroganz und dumpfe Unmenschlichkeit zu leben. Wo sind die zivilisatorischen Leistungen der Aufklärung, derer die Europäer augenscheinlich bereits wieder müde geworden sind?

Wo bleibt die politische und auch ökonomische Weitsicht, die zumindest in Europa vor Zerstörern einer offenen, freien, selbstbewussten, bildungsbürgerlichen Notwendigkeit kultureller Vielfalt, Kritikfähigkeit und Weisheit auf Basis historischer Erfahrungen lautstark und allgemein verständlich warnt und zur radikalen Richtungsänderung mit emotional einfach formulierten, verständlichen Argumenten landauf, landab um Zustimmung wirbt?

Wo, Mitmensch, ist Dein humanes Gewissen und das Wissen und Verstehen, die Einschätzung dessen, was rundherum in nächster Nähe und nächster Ferne passiert!? Leben und leben lassen ist nicht mehr en vogue! Was haben wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts praktisch gelernt? Bei allem wissensmäßigen Fortschritt bauen wir emotional wie geistig-kulturell Errungenschaften des wahren Humanen wieder ab.

 

Wahrheit auf dem Marktplatz

Der griechische Philosoph Sokrates antwortete auf die Frage: „Meister wie finde ich die Wahrheit?“ – „Geh‘ auf den Marktplatz und sprich‘ mit den Menschen!“

Der antike Marktplatz war nicht nur Handels- und Tauschzentrum von Waren, sondern auch Zentrum politischer Debatten und Entscheidungen, von Rechtsprechung und -vollstreckung, besucht von allen Generationen, allen ethnischen Gruppen, allen sozialen Schichten, die miteinander im Dialog waren – von allen freien Menschen! Es gab damals freilich auch die Sklaven, die Handelsware waren.

 

Kluge, weise Feindesliebe

In der Zwischenzeit war jedoch Christus, der uns sagte, dass wir alle gleichberechtigte Kinder Gottes sind – mit dem Auftrag, einander zu lieben, für den Nächsten da zu sein, Verantwortung zu tragen, auch seinen Feind prinzipiell als Mitmenschen zu lieben. Was aber nicht heißt, sich von diesem umbringen zu lassen, sondern sich wohl im aktuellen Fall zu verteidigen, ihn aber mit gelebter, nicht naiver, sondern klug und weise gelebter Liebe à la longue und nachhaltig zu besiegen!

Wir ruinieren gerade diesen weltweiten Marktplatz des Austausches, des fairen Handels, vor allem aber des fairen und offenen Dialogs, in dem jeder versucht, den jeweiligen Gesprächspartner und seine Argumente zu respektieren, zu verstehen und darauf die richtigen Antworten zu finden.

Dazu bräuchte es das Wissen um die grundsätzliche Gleichwertigkeit jedes Dialogpartners und die historische Erfahrung, um Argumente verstehen und einschätzen zu können. Erst dann können wir die als richtig vermutete Antwort finden und entsprechend entscheiden, aber dem Mitmenschen und der Umwelt gegenüber fair in der Erkenntnis leben, dass wir alle auf derselben Erde unser Dasein gestalten, für die jeder Einzelne, aber auch alle Gemeinschaften Verantwortung tragen! Jeweils so, um sie mit gutem Gewissen den geliebten Kindern und Kindeskindern überlassen zu können.

Wo ist dieser ehrliche, offene Dialog geblieben? Auch in Europa sind wir dabei, diesen durch egoistische Monologe in Scheindialogen zu beenden – damit aber auch die höchste, wenn auch schwierigste Ausformung des Dialoges zu verlernen: die liberale Demokratie!

Mag. Rainer Stepan, langjähriger Mitarbeiter der ÖVP-Obmänner Alois Mock und Josef Riegler. Langjähriger Mitarbeiter in der
Metropolenaußenpolitik der Stadt Wien.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2018)

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