Eine Wand von Handtaschen

Gastkommentar Es ist längst an der Zeit, den Sänger Tony Wegas wieder an seinen musikalischen Qualitäten zu messen.

Archivbild: Tony Wegas 2013
Archivbild: Tony Wegas 2013
Archivbild: Tony Wegas 2013 – Clemens Fabry / Die Presse

Ich besitze eine Lederhandtasche, ein Geschenk meiner Mutter, und mehrere billige Gebrauchshandtaschen, die wahrscheinlich in China hergestellt wurden. Hauptsache, mein kleiner Laptop hat darin Platz, schließlich will ich überall und jederzeit schreiben können. Ich war ein paar Mal in der Staatsoper, ins Burgtheater gehe ich auch, ich habe mir in Berlin mit gemischten Gefühlen Alban Bergs „Lulu“ angeschaut und höre mir Wien Modern-Konzerte an. Ich bin eine Bildungsbürgerin. Auf einem Tom Jones-Konzert bin ich auch schon einmal gewesen, es flogen keine BHs. In Köln schwenkte der Arm eines Krans Tina Turner über meinen Kopf: Private Dancer.

Im Offenen Haus Oberwart – das befindet sich dort, wo 1995 eine Rohrbombe vier Bewohner der örtlichen Romasiedlung in Stücke riss – hörte ich vor zwei, drei Jahren Tony Wegas singen, er kam direkt aus dem Spital und wurde nach dem Auftritt gleich zurückgefahren. Knappe fünf Kilometer von Oberwart entfernt wurde er geboren, in Unterschützen. Er sang seine Hits, manche Damen hüpften aufgeregt bei „Zusammen geh'n“ – und er gab Tom-Jones-Nummern, dass der Saal bebte. Ich weiß noch, wie mir gleichsam die Ohren übergingen: Was für eine Stimme!, und wie ich staunte über diesen klaren, allürenfreien Auftritt.

 

Wirklich hörenswerte Stimme

Auf dem Wiener Popfest war ich noch nie, aber die Medien haben mich mit grundlegenden Informationen dazu versorgt, österreichische Pophoffnung, Kärntner Oldies, Dialektpunk, ich weiß alles. Wenn ich Tony Wegas nicht kennen würde, wäre mein Wissensstand dieser: Er hat alten Damen die Handtasche gestohlen.

Auch in der „Presse“ wurde auf eine Einordnung abseits der „traurigen Berühmtheit“ verzichtet, die Tony Wegas als „Omataschelzieher“ erlangt habe, und „nicht einmal“ bei seinem Engagement habe es „Streitpunkte“ zwischen den Kuratoren des Popfestes gegeben, hieß es. Auch im „Standard“ setzte man beim ersten Ankündigungstext einen suggestiven Bindestrich vor den Namen „Tony Wegas“: Obacht, der wird von den Coolen eingeladen! Im Anschluss war man sich nicht zu schade, ein Empfehlungsvideo mit „Handtaschenräuber, Trümmerblues und derbe Beats“ zu betiteln und auf der Tatsache einer im vergangenen Jahrtausend abgesessenen Strafe auch im Video selbst herumzureiten. Im Prinzip wirkt das so, als würde kollektiv eine Wand von Handtaschen zwischen dem Publikum und einer wirklich hörenswerten Stimme gebaut – einer Stimme, für die in den Schablonen des Musikbusiness nie ein Platz gefunden wurde, die Stimme von jemandem, der aber die Musik liebt, egal, wie stark das Rampenlicht funzelt, als wie cool oder uncool er gilt.

Dazu kommt eine Komponente, die auf der Website des Popfestes klar angesprochen wird: Offenbar eignet sich ein Musiker, der zwischen den Stühlen sitzt und zudem kein schneeweißer Arier ist, wunderbar als Sündenbock nicht nur für eine Branche, die zum Kontrollverlust vermutlich eine andere Beziehung hat als die alleinerziehende Mutter an der Supermarktkassa, sondern auch als Projektionsfläche für ein ganzes Land. Wer einmal ganz unten war, auf den darf man munter weiter treten – vor allem, wenn die Herkunft dem Selbstbild jener nicht entspricht, die mit der Gartenschere vorm eigenen Stammbaum stehen.

Es sei daran erinnert: selbst im Strafregister wird eine Straftat irgendwann gelöscht. Irgendwann ist es an der Zeit, einen Menschen wieder an seinen Qualitäten zu messen. Außerdem rauben wir alle, die wir hier leben, anderen Menschen weit mehr als nur ihre Handtaschen.

Katharina Tiwald (* 1979 in Wiener Neustadt) studierte Sprachwissenschaft und Russisch in Wien, St. Petersburg und Glasgow. Sie ist Lehrbeauftragte an der Uni, Lehrerin und freie Schriftstellerin.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2018)

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