Wo bitte werden Gesäße angebetet?

Was passiert, wenn Männer einander und Frauen einander ehelichen dürfen? Das Abendland wird nicht untergehen!

Dass sich der Verfassungsgerichtshof zum Gesetzgeber „aufgeschwungen“ hätte, indem er seiner Pflicht, die Prüfung eines Gesetzes durchzuführen, nachgekommen ist, ist eine reichlich kuriose Anschuldigung, die „Kreuzritter“ Martin Leidenfrost erhebt („Presse“ vom 8.9.). Zitiert aus dem Erkenntnis des VfGH: „Die gesetzliche Trennung verschiedengeschlechtlicher und gleichgeschlechtlicher Beziehungen in zwei unterschiedliche Rechtsinstitute verstößt [...] gegen das Verbot des Gleichheitsgrundsatzes, Menschen aufgrund personaler Merkmale wie hier der sexuellen Orientierung zu diskriminieren.“

Begründet wird das unter anderem durch das Zwangsouting, das bei einer Angabe des Personenstands erfolgt. Dieser Umstand würde auch dadurch nicht wesentlich besser, wenn man die eingetragene Partnerschaft für heterosexuelle Partner öffnet, umgekehrt aber gleichgeschlechtliche Paare von der Ehe ausschließt. Eine Trennung auf Basis der sexuellen Orientierung kann eben keine Gleichwertigkeit behaupten.

Mir, als heterosexuellem Bürgerlichen, ist nicht klar, warum eine Ehe für alle so eine Irritation darstellt. Mir ist auch nicht klar, wer behauptet haben soll, dass gleichgeschlechtliche Paare an sich schon bessere Eltern wären. Als kleiner rechtlicher Hinweis sei hier aber erwähnt, dass diese bereits seit 2016 Kinder adoptieren dürfen. Österreich hat also den zweiten Schritt, das Adoptionsrecht, vor dem ersten Schritt, der Gleichstellung der Ehe, gemacht. Das ist wohl das, was man eine „österreichische Lösung“ nennt.

 

Pride Parades im Burgenland?

Die unzähligen Pride Parades, die Herr Leidenfrost im Burgenland wahrzunehmen glaubt, müssen mir entgangen sein. Ich kenne nur jene in Wien. Sicher, grelle und bunte Massenlustbarkeiten muss man mögen. Dass dort irgendwelche Gesäße angebetet würden, wäre mir jedoch nicht aufgefallen.

 

Grober Klotz, grober Keil

Herr Leidenfrost beklagt, dass radikale Elemente ihre persönlichen Moralvorstellungen politisch verwirklichen wollen, sieht aber die Parallelen zum eigenen Ansinnen nicht. Der Staat hat nicht die Aufgabe, seinen Bürgern moralische Entscheidungen abzunehmen, sondern im Gegenteil, sie in ihrer Lebensführung, Selbstverwirklichung und bei der Schaffung von Gemeinschaft nicht zu behindern, solange andere dadurch nicht zu Schaden kommen.

Das hindert niemanden daran, eine heterosexuelle Ehe zu führen. Es ist daher nicht zu verstehen, warum zwei sich liebende Erwachsene nicht heiraten dürfen, wenn sie es wollen. Die Erklärung, dass eine Ehe mit der Absicht der Elternschaft einhergeht, lasse ich nicht gelten. Das würde allen absichtlich kinderlosen Paaren die Rechtmäßigkeit ihrer Ehe absprechen.

Anders als Leidenfrost suggeriert, spricht ihm niemand das Recht ab, sich über die Gleichstellung der Ehe und die Pride Parade kritisch zu äußern. Erinnert sei aber an das Sprichwort: Auf einen groben Klotz ein grober Keil. Provozieren zu wollen, dann aber verschnupft zu reagieren, wenn die gewünschte Provokation Erfolg hat, ist schon reichlich abenteuerlich.

Was wird passieren, wenn Männer einander und Frauen einander ehelichen dürfen? Nichts. Niemand wird andere Männer zwingen, einen Mann zu heiraten, und es wird auch keine Explosion an burgenländischen Pride Parades geben. Der Untergang des Abendlandes wird dadurch nicht eingeläutet. Das ist bereits durch Elvis' Hüftschwung in den 1950er-Jahren passiert.

Clemens Ableidinger ist Historiker und arbeitet derzeit als politischer Referent im österreichischen Nationalrat. Er lebt und arbeitet in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Wo bitte werden Gesäße angebetet?

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.