Eine medizinische Krise, über die niemand spricht

Jedes Jahr sterben weltweit 22.000 Frauen an den Folgen eines unsachgemäßen Schwangerschaftsabbruchs.

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Wenn dieser Tage in Österreich wieder über die Fristenregelung diskutiert wird, stelle ich mir vor, wie die Situation vor deren Einführung, 1975, war: Abtreibungen waren verboten, verzweifelte Frauen suchten Engelmacherinnen auf, griffen zu allen möglichen Mitteln, um ihre ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Für viele Frauen endete dies mit schweren Verletzungen. Für manche mit dem Tod.

In Österreich gehört das glücklicherweise der Vergangenheit an. In vielen Einsatzgebieten von Ärzte ohne Grenzen ist dies jedoch heute noch Realität. Einsatzkräfte, die erstmals in einem unserer Projekte gegen Müttersterblichkeit arbeiten, sind oft schockiert, was sie dort erleben: Frauen, die sterbend in unsere Kliniken eingeliefert werden. Mädchen, die nach einem unsachgemäß durchgeführten Schwangerschaftsabbruch schwere Verletzungen davongetragen haben. Patientinnen mit schweren Blutungen oder einem septischen Schock.

Die Optionen dieser Frauen sind meist sehr eingeschränkt, ihre Verzweiflung enorm. Ich denke an die junge Südafrikanerin Patricia, die meinen Kolleginnen von ihrer verzweifelten Suche nach einer sicheren Möglichkeit berichtete, ihre ungewollte Schwangerschaft zu beenden. In ihrem Heimatland suchen viele Frauen Hinterhofkliniken auf, in denen weder geschultes Personal noch medizinische Mindeststandards eine Rolle spielen. „Am Ende verlieren viele ihr Leben”, erzählte sie uns.

Dabei ist klar: Keine Frau riskiert ihr Leben aus freien Stücken. Trotzdem versuchen viele jedes Mittel, um eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Egal, wie hoch die rechtlichen, religiösen oder kulturellen Hürden sind. So verstörend diese Tatsachen für manche sind, so real sind sie. Tatsächlich bilden unsichere Schwangerschaftsabbrüche eine medizinische Krise von globalem Ausmaß: Sie sind einer der fünf Hauptgründe für Müttersterblichkeit; konservative Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 22.000 Frauen und Mädchen jedes Jahr an den Folgen eines unsachgemäßen Schwangerschaftsabbruchs sterben, mehr als sieben Millionen werden verletzt eingeliefert. Allein Ärzte ohne Grenzen hat 2017 mehr als 23.000 Patientinnen mit solchen Verletzungen behandelt.

Ein medizinischer Notstand dieses Ausmaßes lässt bei uns alle Alarmglocken schrillen. Während der Kampf gegen andere Ursachen von Müttersterblichkeit Fortschritte macht, werden die massiven Folgen unsachgemäßer Abtreibungen weitgehend verschwiegen.

Zu viele Frauen sterben sehen

Ärzte ohne Grenzen hat als unabhängige medizinische Hilfsorganisation längst auf diese Krise reagiert. Es gilt heute als bewährtes medizinisches Vorgehen, die Hilfe nach dem sogenannten Dreisäulenprinzip zu gestalten: Bereitstellung von Verhütungsmitteln, medizinische Hilfe nach unsachgemäßen Abtreibungen und das Ermöglichen sicherer Schwangerschaftsabbrüche. Wir wissen: Wenn wir Patientinnen wie Patricia ohne Hilfeleistung wegschicken, werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit später schwer verletzt in unsere Klinik eingeliefert. Das dürfen wir nicht zulassen – wir haben zu viele Frauen sterben gesehen.

Ich glaube, dass viele Menschen sich des Ausmaßes dieser verborgenen Gesundheitskrise nicht bewusst sind. Der Weltfrauentag diesen Freitag ist daher ein guter Anlass, genauer hinzuschauen. Wir müssen mehr tun, um vermeidbare Todesfälle zu verhindern; dafür, dass die Hinterhofkliniken dieser Welt überflüssig werden und Frauen mehr Optionen haben. Der erste Schritt ist, darüber zu reden. Auch in Österreich.

Laura Leyser ist seit 2018 Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich. Davor war die Wienerin zehn Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit tätig.

[P949C]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2019)

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