„Tatort“: Gehirnwäsche der feineren Art

Fernsehen. Das Opfer ist schuld, der Täter krank, die Kriminalkommissarin selbstzerstörend. Beobachtungen zum „Tatort“ vom 10. März.

(c) Peter Kufner

Vor einigen Jahren (25. November 2014) habe ich einen Kommentar zu den Veränderungen des „Tatort“ in „Der Presse“ geschrieben. In diesem Kommentar habe ich das Phänomen der schwächer werdenden Kommissare aufgezeigt, die sich fürchten müssen, ihre Waffe einzusetzen, selbst wenn sie am Leben bedroht werden.

Inzwischen ist der „Tatort“ als Spiegel deutscher Verhältnisse weitergegangen: Nicht nur, dass fast alle Chefs Frauen sind; nicht nur, dass die Opfer (wie Alfred Pfabigan in seinem lesenswerten Buch über den „Tatort“ – „Mord zum Sonntag. Tatortphilosophie“, Residenz Verlag, Salzburg, 2016 – schreibt) meist schuldiger sind als der Täter – Nein! –, jetzt beschädigen sich die Beamten im Dienst bis zur Selbstverstümmelung. War es schon bisher so, dass deutsche Kriminalkommissare im Gegensatz zu österreichischen, italienischen und französischen weder gegessen noch geschlafen haben – so passierte es vergangenen Sonntag meines Wissens erstmalig, dass die Frau Kriminalkommissarin durch Übererfüllung ihrer Dienstpflichten ihr Kind verlor. Sie machte folgendes: Sie übernahm Tätigkeiten der Chefin, die in Urlaub ging, sie übernahm die Tätigkeit eines verletzten Kollegen, und sie ging einer Sache nach, die ihr unmittelbarer Vorgesetzter als abgeschlossen darstellte. Dann bekam sie Warnungen: Ihr Lebenspartner und präsumtiver Kindsvater rief sie an und schickte ihr Kurznachrichten. Einmal sogar: „Eine Schwangere braucht ihren Schlaf!“ Nichts da. Sie besuchte stattdessen ihren Chef, der das abgestellte Auto des Täters observierte, und drückte die SMS lachend weg, Einziges Zugeständnis an ihren Mann war, dass sie den Chef bat, sie nach Hause zu bringen.

So ging's weiter: Sie ließ nicht locker. Berganstiege, Nachtdienste mit viel Kaffee – sogar dass der Partner mit Orangensaft und Gebäck ins Büro kam und sagte: „Wenn du nicht nach Hause kommst, kommt das Zuhause eben zu dir!“, erzeugte keine adäquate Reaktion. So steuerte sie auf die Schlussszene zu: Das jugendliche Opfer, das seine transgenerationale Beziehung beendet hatte, kam – begleitet von den beiden Beamten – in die Tristesse seiner Mulitkultivorstadt zurück. Die glückliche Frau Kriminalkommissarin, die den Fall gelöst hatte, saß am Klo und stellte beim Abwischen fest, dass sie Blut verlor. Der Fötus war tot. Trost holte sie sich im Amt. Bei ihren Vorgesetzten.

Das sind die Ideale des Sonntagabends. Sie sollen auf die Arbeitswoche vorbereiten: Arbeiten ist besser als Leben; Leben ist Leiden; Aufopferung Pflicht. Gehirnwäsche der feineren Art.

Univ.-Prof. Dr. Peter Scheer (geb. 1951) leitete 28 Jahre die Psychosomatik und Psychotherapie der Universitäts-Kinderklinik Graz.

E-Mails an: debatte@diepresse.com


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2019)

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