Ein Sport-Hijab? Warum denn nicht?

Warum es problematisch ist, dass eine französische Sportartikelfirma ihr Sport-Kopftuch aus dem Sortiment nimmt.

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Der französische Sportartikelhersteller Decathlon nimmt die geplante Kopfbedeckung für Sportlerinnen nach hefiger Kritik daran aus dem Sortiment. So sehr man das Kopftuch kritisieren mag, die Entscheidung der französischen Sportmarke ist nicht zu begrüßen. Das Kopftuch ist zwar ein Instrument sozialer Kontrolle und kein Symbol für weibliche Emanzipation. Aber die sportliche Bedeckung besitzt eine funktionale Bedeutung. Sie erlaubt Frauen, die sich schon für das Kopftuch entschieden haben oder denen keine andere Wahl gelassen wird, am modernen Leben teilzunehmen und Sport auszuüben.

Erst vor wenigen Wochen änderte der Internationale Amateur-Boxverband seine Regeln und erlaubte Frauen das Boxen mit dem Kopftuch. Notwendig wurde diese Entscheidung, weil die deutsche Meisterin Zeina Nassar, die ein Kopftuch trägt, zu den Europameisterschaften wollte. Zeina Nassar ist Markenbotschafterin von Nike, der Firma, die Ende 2017 mit ihrem Pro Hijab ein funktionales Kopftuch für den Sport entwickelte. Muslimische Sportlerinnen hatten Probleme beim Ausüben ihres Trainingsprogramms, da ein gängiges Hijab verrutscht und der Stoff wenig atmungsaktiv ist.

Nike begründet die Entscheidung damit, dass sie muslimischen Frauen und Mädchen die Sportausübung erleichtern wollen, da für diese der Weg zu sportlichen Aktivitäten eingeschränkt oder gar verboten ist. Denn gerade Sport ist nicht nur gesundheitlich von Bedeutung, sondern macht Frauen selbstbewusster und schlagfertiger. Ob mit oder ohne Kopftuch, Frauen, die in ihrer Freizeit boxen, schwimmen oder turnen oder sich dem Profisport verschrieben haben, lernen, sich nicht auf ihr Aussehen zu fokussieren. Sie entwickeln ein gesundes Körpergefühl, sie können sich besser vor Sexismus schützen. Sie strahlen Härte und Entschlossenheit aus.

Natürlich kann man Designerlabels dafür kritisieren, dass sie ein Instrument sozialer Kontrolle als Accessoire anbieten, obwohl es für Musliminnen viel mehr als ein Schmuckstück ist, das man an- und ablegt. Wer ein Kopftuch trägt, kann es nicht ohne weitere soziale und psychologische Konsequenzen wieder abnehmen. Dass der französische Sportartikelhersteller Decathlon seine Kopftücher für Sportlerinnen aus dem Sortiment genommen hat, ist nicht im Sinne der Emanzipation.

 

Kritik am Kopftuch erlaubt

Frauen mit Kopftuch den Zugang zu Universitäten, Vereinen oder zum Sport zu verwehren, hilft nicht bei ihrer Emanzipation. Im Gegenteil. Anders ist die Frage zu beantworten, ob Frauen mit Kopftuch Lehrerin werden oder als Richterin tätig sein können – hier wirkt sich ihre Entscheidung für das Kopftuch auf andere aus. Auf Schülerinnen und Schüler, auf Bürger, auf unser Rechtssystem und unser Verständnis von religiöser Neutralität des Staates.

Man kann das Kopftuch kritisieren und sich gleichzeitig für die Rechte der Frauen mit Kopftuch starkmachen. Das ist kein Widerspruch! Denn meine Kritik gegen das Kopftuch beruht nicht auf einer ideologischen Überzeugung, mir geht es um die Freiheit und Unabhängigkeit der Frauen.

Damit verharmlost man das Kopftuch nicht. Denn die Entscheidung für das Kopftuch fordert viele Unfreiheiten von jungen Frauen. Das Tragen eines Hijabs ist mit sozialen Normen verbunden, denen sich die Trägerin unterwirft. Es geht darum, wie sie sich gegenüber Männern und als fromme Muslima in der Öffentlichkeit zu verhalten hat. Aber jede demokratische Freiheit, die Frauen mit oder trotz des Kopftuchs ausleben, ist zu begrüßen.

Cigdem Toprak (*1987 in Deutschland) ist Journalistin und Autorin mit anatolischen Wurzeln. Sie studierte Politikwissenschaft und Konfliktlösung in Istanbul, London und München und schreibt u. a. für „FAZ“, „NZZ“ und „Die Welt“.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2019)

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