Es gibt viele Gründe für ein striktes Kopftuchverbot

Vor allem aber muss der Staat garantieren, dass Frauen ab ihrem 18. Lebensjahr frei entscheiden können, wie sie leben wollen.

(c) Peter Kufner

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Die meisten Europäer haben von der Existenz einer Stadt namens Raqqa in Syrien wohl erst erfahren, als dort der sogenannte Islamische Staat vorübergehend das Hauptquartier seines „Kalifats“ errichtet hat und schreckliche Bilder von dort eingetroffen sind: Massenexekutionen und aufgespießte Köpfe der Opfer im Stadtzentrum.

Ich habe freilich ganz andere Erinnerungen an Raqqa, wo ich in den 1990er-Jahren zur Schule gegangen bin. Es sind Erinnerungen an eine fröhliche Schulklasse, in der keines der Mädchen Kopftuch getragen hat, von Vollverschleierung nicht zu sprechen. Und das in einer durchaus konservativen muslimischen Stadt. Meinen Schulkameradinnen hat man ihr Kopftuch einfach vor der Schultür abgenommen, wenn es sein musste. Denn es war schlicht und einfach in der Schule verboten. Warum?

Als die Muslimbrüder in Syrien erstmals aktiv wurden, hatte der Staat Angst, dass sich diese konservative Tradition in den Schulen festigen würde. Dies wollte er mit klaren Verboten verhindern.

Das syrische Schulsystem war (und ist) laizistisch, mit obligatorischen Schuluniformen und ohne religiöse Symbole. Damit erreichte man einen Ausgleich zwischen Religionen und unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Wir hatten in unserer Klasse damals übrigens eine Uniform, die so ähnlich aussah wie die von Soldaten, auch die Mädchen.

Meine Mutter kommt aus einer ziemlich religiösen Familie in Raqqa (obwohl meine Urgroßvater Christ war und während des Genozids 1916 konvertieren musste). Sie mussten, wie die meisten Konvertiten, sehr gläubig und fromm sein, um zu zeigen, dass sie wirklich Supermuslime waren. Meine Mutter trägt das Kopftuch seit ihrem elften Lebensjahr. Ich habe mir als Kind gedacht, dass das in meiner Generation auch so sein wird. Als ich 15 war und das Gefühl hatte, es wäre nun an der Zeit, habe ich daher beschlossen das Kopftuch zu tragen, letztlich, weil mir das alle ernsthaft geraten haben. Aber das war nur für einen Monat.

Ich werde dieses Gefühl nie vergessen, wie es war, rund um den Kopf einen mich stark behindernden, physisch wie psychisch einschränkenden „Verband“ zu tragen. Es war der schiere Horror.

 

Liga der verschleierten Frauen

Ich habe zu dieser Zeit Basketball im Team von Raqqa gespielt. Nach dem Unterricht hat einmal ein Freundschaftsspiel gegen eine andere Schulmannschaft stattgefunden. Mein Trainer und auch meine Mannschaftskolleginnen waren überrascht, als ich mit dem Kopftuch gekommen bin und auch damit gespielt habe.

Aber dank des Kopftuchs war plötzlich alles anders. Ich war nicht mehr Teil meiner Mannschaft, sondern in einer ganz anderen Liga, in der „Liga der verschleierten Frauen“. Ich konnte natürlich nicht mehr meine gewohnte Leistung bringen. Das Kopftuch behinderte mich beim Laufen, es verdeckte mir zeitweise die Sicht, ich konnte Bälle nicht mehr fangen und sah die gegnerischen Spielerinnen nicht.

Es war schrecklich.

Mein Trainer sagte mir, dass ich mit Kopftuch nicht mehr spielen könne. Er hat mir auch bedeutet, dass eine Frau mit Kopftuch generell nicht laufen dürfe. Da habe ich nachgedacht. Und es stimmte. Mit Kopftuch darfst du nicht nur nicht laufen, sondern musst dich grundlegend anders verhalten. Du darfst nicht mehr laut sprechen, nicht singen, musst dich langsam bewegen und dich einfach demütig verhalten. Unterordnen! Unterordnen unter den Mann, der natürlich nicht eingeschränkt wird und alles darf.

Dann habe ich begonnen zu reflektieren. Warum sind meine Haare ein Symbol der Sexualität? Warum müssen Männer das nicht tun? Wer hat diese Regel aufgestellt? Allah? Steht das im Koran? In irgendwelchen heiligen Schriften? Das islamische Azhar-Institut in Kairo als oberste Rechtsautorität hatte bereits vor Jahrzehnten eine Fatwa erlassen, die besagte, dass das Tragen des Kopftuchs für Frauen eine Tradition, aber keine religiöse Pflicht wäre. Zwischenzeitlich gab und gibt es freilich andere Fatwas – gesponsert von traditionellen, konservativen Ländern –, die genau das Gegenteil sagen. Also ist dies nicht eindeutig geregelt. In einer Sure des Koran (An Nisa 34) heißt es, dass Männer über die Frauen bestimmen, weil sie auch das Geld haben, die Frau ist abhängig von dem Mann. Das widerspricht eindeutig dem Menschenrecht auf Gleichheit. Konsequent durchgedacht – und in konservativen Familien auch gelebt – bedeutet dies, dass der Mann über das Leben der Frau bestimmt: Bekleidung, Essen, Freizeit. Hier drängte sich mir damals die Frage auf, warum Allah diesen Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht hat? Ich war sogar eine Zeit lang wütend auf Allah, dass er mich zu einer Frau gemacht hat. Dieser Unterschied zwischen Mann und Frau ist gesellschaftlich inakzeptabel.

Und so komme ich vom Raqqa der 1990er-Jahre zur hiesigen Diskussion über das Kopftuchverbot für Mädchen bis zum 18. Lebensjahr: Ich bin klar dafür, und zwar generell im öffentlichen Raum, nicht nur in der Schule. Viele der Flüchtlinge und Migrantinnen sind seit 2015 nach Österreich gekommen, um das Sozialsystem, die medizinische Versorgung und soziale Freiheiten für sich in Anspruch zu nehmen. Einige nehmen freilich nur gewisse Regeln an, ignorieren andere. Integration ist aber ein Gesamtpaket. Es müssen auch Werte akzeptiert und gelebt werden, die diametral zu den alten Systemen stehen.

Aus anderer Perspektive betrachtet ist das Kopftuch als Verhüllung sexueller Reize der Frau eigentlich eine massive Diskriminierung des muslimischen Mannes. Sind muslimische Männer willenlos-triebgesteuerte Tiere, die kopftuchlose Frauen jederzeit bespringen? Das wäre ja wohl eine durch und durch sexistische Unterstellung.

 

Tradition, nicht Pflicht

Im Ernst: Der Staat muss Chancengleichheit garantieren. Religion als Familienangelegenheit darf nur so weit gehen, dass dadurch nicht Kindern die Chancengleichheit genommen wird. Kinder aus streng muslimischen Familien lernen das andere Geschlecht nicht als gleichwertig zu akzeptieren, und kennen keine Basis der Selbstbestimmung. Weder gegenüber der Mutter, der Schwester, der Frau in der Gesellschaft oder der späteren Partnerin. Daher muss der Staat garantieren, dass Frauen ab ihrem 18. Lebensjahr frei entscheiden können, wie sie selbstbestimmt leben wollen.

Aufgrund meines vielfältigen Engagements für Migrantinnen und Flüchtlinge, unter anderem im Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF), sagten mir viele Frauen, dass sie einem enormen Druck in ihrer Heimat ausgesetzt waren und froh waren, als sie das Kopftuch in Österreich ablegen konnten. Ich stelle fest, dass viele ältere Frauen aus dem Glauben heraus oder aus Gewohnheit Kopftücher tragen. Für viele, so auch für meine Mutter, ist das Kopftuch ein Teil ihrer Identität, sie definieren auch ihr Frausein darüber.

Doch, bitte, geben wir jungen Mädchen trotzdem die Chance, sich selbstbestimmt zu entwickeln und so ein starker Teil einer freien Gesellschaft zu werden.

ZUR AUTORIN


Rasha Corti
(36) wurde in Syrien geboren. Sie wohnte in Raqqa und studierte am französischen Kulturzentrum in der nordsyrischen Metropole Aleppo. 2009 ging sie nach Österreich, wo sie mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern lebt. In Wien arbeitet Rasha Corti als Fremdenführerin und ist Mitglied des Expertenrats für Integration im Außenministerium. [ Beigestellt ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2019)

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