Rückkehr in die „Vorkriegszeit“

Die erste Runde der Präsidentenwahlen in der Ukraine offenbart starke regionale Unterschiede.

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Der Triumph des Kabarettisten Volodymyr Zelensky im ersten Durchgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen zeugt von einer tiefen Enttäuschung der ukrainischen Bevölkerung über den lähmenden militärischen Konflikt mit Russland, die wirtschaftliche Misere und die mangelnden Fortschritte in der Korruptionsbekämpfung, wofür Petro Poroschenko als amtierender Präsident nun abgestraft wurde.

Ein Blick auf die Landkarte offenbart aber große regionale Unterschiede: Zelensky siegte in beinahe allen Gebieten der Zentral-, Süd- und Ostukraine. Auch Transkarpatien und die Bukowina, Regionen mit starken ungarischen bzw. rumänischen Minderheiten, stimmten mehrheitlich für ihn. Amtsinhaber Poroschenko schnitt verheerend ab.

Spiegelverkehrt ist das Wahlergebnis in der historischen Region Galizien im Westen des Landes, die bis 1918 ein Kronland der Habsburgermonarchie gewesen war: In den Gebieten Lviv (Lemberg) und Ternopil (Tarnopol) siegte der amtierende Präsident, in Ivano-Frankivs'k (Stanislau) unterlag er knapp Julija Tymoschenko, die sich ebenso wie der Präsident betont patriotisch gab. Die Sonderstellung Galiziens innerhalb der Ukraine erklärt sich durch die historische Prägung als „Piemont“ der ukrainischen Nationalbewegung unter österreichischer und später polnischer Herrschaft. Anders als im Rest des Landes wird die Sowjetherrschaft, die sich in Galizien erst 1944 etablierte, als Besatzungsregime betrachtet. Die nationalistischen Untergrundkämpfer, die sich in einem blutigen Guerillakrieg der Sowjetisierung ihrer Region widersetzten, gelten als Nationalhelden, allen voran ihr geistiger Führer Stepan Bandera. So wird auch die russische Sprache als „Okkupationssprache“ gemieden.

Infolge des militärischen Konflikts mit Russland ließen sich nach 2014 Tendenzen einer Ausbreitung dieses bis dahin exklusiv galizischen historischen Narrativs auf die gesamte Ukraine feststellen. Der Moskauer Prospekt in Kiew wurde in Stepan-Bandera-Prospekt umbenannt, die Stellung des Ukrainischen als alleinige Staatssprache mit legislativen Maßnahmen gestärkt.

Das Wahlergebnis vom Sonntag zeigt eindrücklich, dass die Wirkung dieser nationalen Symbolpolitik keine Folgen hatte: Volodymyr Zelensky punktete auch bei einer mehrheitlich ukrainischsprachigen Wählerschaft im Zentrum des Landes, obwohl er es nicht einmal für notwendig befunden hatte, im Vorfeld seiner Kandidatur die Staatssprache zu erlernen. Als Kabarettist spricht er nur dann (defektes) Ukrainisch, wenn er ukrainischsprachige Personen persifliert, die in der Regel als rückständige Dörfler oder dumpfe Nationalisten präsentiert werden. Das Wahlergebnis lässt sich nun als Rückkehr in die „Vorkriegszeit“ interpretieren: Die Nivellierung regionaler Unterschiede war nicht von Dauer. Von einer erneuten „Spaltung“ der Ukraine zu sprechen wäre jedoch verfehlt. Für die ukrainische Gesellschaft ist der Pluralismus, der sich im Nebeneinander unterschiedlicher historischer Narrative und einer situativen Zweisprachigkeit ausdrückt, eine wichtige Ressource, die das Land von seinen Nachbarn Russland und Weißrussland positiv abhebt. Die Tatsache, dass viele ukrainische Soldaten, die im Osten gegen die von Russland gestützten Separatisten kämpfen, im Alltag Russisch sprechen, straft die allzu simple Gleichung „russischsprachig = prorussisch“ Lügen.

Sollte der Kabarettist morgen, Sonntag, wirklich zum Präsidenten der Ukraine gewählt werden, wird er auch die Staatssprache ernster nehmen müssen – dies tat selbst der 2014 im Zuge der Majdan-Proteste abgesetzte russischsprachige Präsident Viktor Janukovytsch, der sich bei offiziellen Anlässen stets große Mühe gab, Ukrainisch zu sprechen.

Dr. Matthias Kaltenbrunner (*1987) lehrt am Inst. für Osteuropäische Geschichte, Uni Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2019)

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