Ödnis in der Endlosschleife: Die Deutsch-Zentralmatura

An der Zentralmatura im Fach Deutsch ist wenig erfreulich. Die Schüler werden zu Verwurstern des Ausgangsmaterials, die Endergebnisse sind öd und ähnlich, beklagen zwei AHS-Lehrerinnen in diesem Gastkommentar.

Hans Klaus Techt

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Leidenschaftslos und zähneknirschend nimmt man sie hin, die Deutsch-Zentralmatura. Man hat sich an sie gewöhnt, so wie man sich, im besten Fall, etwa daran gewöhnt hat, die Wäsche zu bügeln. Wirklich erfreulich ist daran wenig.

Ingrid Rathner.
Ingrid Rathner.
Ingrid Rathner. – (c) Beigestellt


Bei allen geforderten Textsorten müssen die Schülerinnen und Schüler mit langen Ausgangstexten arbeiten, sie verwursten und verwerten - selbstredend auf Basis durchgetakteter Aufgabenstellungen, die wenig Spielraum für eine eigenständige Struktur oder gar selbst produzierte Gedanken lassen.

Das oberste Ziel dieser Übung scheint zu sein, dass die Maturatexte gut miteinander vergleichbar – und damit besser beurteilbar sind. Kreativität und Eigenständigkeit werden vermeintlicher Messbarkeit geopfert. Abgesehen davon, dass bei der Beurteilung von Texten absolute Objektivität nicht möglich ist (aber das ist eine andere Geschichte), stellt sich die Frage: Ist der Preis für diese größtmögliche Scheinobjektivität nicht doch zu hoch?

Wo bleibt der Esprit?

Bei den geforderten argumentativen Texten werden Geistreichtum, Ausdruckskraft und persönliche Note zwar nicht verunmöglicht, aber doch grob erschwert. SchülerInnen müssen sich mit Ausgangstexten befassen, in denen die interessantesten und besten Ideen, Aspekte und Gedanken zum Thema meist schon vorweggenommen sind. So werden die SchreiberInnen zu emsigen VerwursterInnen des Ausgangsmaterials; nur den besten unter ihnen gelingt es, die zermalmten Inhalte mit zwei, vielleicht auch drei eigenen Gedanken zu spicken. Die Produkte: öd und ähnlich.

Martina Scheuringer.
Martina Scheuringer.
Martina Scheuringer. – (c) Beigestellt

Die formalen Vorgaben sind so engmaschig, das Korsett aus Aufgaben und Ausgangstext so erdrückend, dass jede kreative Idee schier zwangsläufig im Keim ersticken muss. „Gliedern“, das Ordnen, Strukturieren und Gewichten der eigenen Gedanken, das jeden lebendigen Schreibprozess kennzeichnet, wurde als Denk-Kompetenz abgeschafft, selbstständig-schöpferisches Schreiben durch das hektisch-ängstliche Schielen auf die unzähligen Vorgaben verunmöglicht: Monotonie in Denken und Schreiben. Dem Erfinden und Schreiben von Geschichten wird im Rahmen der „neuen“ Matura demgemäß keinerlei Platz mehr eingeräumt. Was steckt dahinter? Skepsis fiktiven Texten gegenüber? Der Versuch, Sprache und Texte in Schablonen zu gießen?

Wenn kreative Prozesse reglementiert sind, wenn der Blick beim Schreiben auf der Suche nach vorgegebenen Strukturen ständig nach außen wandert, von der Angst begleitet, etwas Gelerntes nicht richtig wiederzugeben, dann hat der Schreib-Unterricht sein wesentliches Ziel verfehlt und die ursprüngliche Bedeutung des Schreibprozesses ist verloren: Schreiben, um die eigene Gedankenwelt zu bilden und zu pflegen, um dem Selbst-Gedachten Ausdruck zu verleihen, um für sich einen Weg zu finden in einer Welt der Vielfalt und der Unübersichtlichkeit.

Und nicht zuletzt: Die Qual der Korrigierenden

Die Aufgaben, die den SchülerInnen im Zusammenhang mit der Zentralmatura gestellt sind, müssen fast zwangsläufig zu öden, gleichförmigen Texten führen. Nicht Mut, jugendlicher Elan, freche und freie Gedanken sind die Basis dieser Texte, sondern braves Abarbeiten gelernter Schreib-Abläufe. Es ist den SchülerInnen nicht zu verübeln; genau das ist der Weg, der zu guten Noten führt, genau das sind die Produkte, die gewünscht sind, genau das ist es, was ihnen als „Kompetenz“ verkauft wird.

Die Aufgabe, solche Texte zu korrigieren, ist nicht nur quälend langweilig und frustrierend unerfreulich; sie macht darüber hinaus leider auch allzu deutlich, welche Fähigkeiten von jungen Menschen in unserem Schulsystem erwünscht sind, welche Schreib-Kompetenzen sie zum - schulischen - Erfolg führen: Ödes Wiederkäuen von vorgebebenen Inhalten, unkritisches Festhalten an formalisierten Textstrukturen, gehorsames Zu-Papier-Bringen von auswendiggelernten Versatzstücken.

Was fehlt, ist die Ermunterung zum Spiel mit den Möglichkeiten, zum Spiel mit den Wirklichkeiten, die Ermunterung, tatsächlich selbst zu denken, die Welt genau zu betrachten und zu analysieren. Die Sprache als Vehikel zu erkennen, sich selbst, das Leben und die anderen zu erfahren, zu erkennen – und neu zu entwerfen.

Schreiben als Ausdruck der ureigensten Persönlichkeit: lebendig, kreativ, auch unangepasst, überraschend und unerwartbar.

Martina Scheuringer und Ingrid Rathner sind AHS-Lehrerinnen für Deutsch, Psychologie und Philosophie an einem Bundesrealgymnasium in Linz.

 

 

 

 

 

 

 

 

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