Den wütenden weißen Wähler im Blick

Das Rassenthema in Amerika. Ist Trump ein Rassist? Wer kann das schon so genau sagen? Seine migrantenfeindlichen Aussagen führen jedenfalls dazu, dass es wieder salonfähig ist, laut die Vorherrschaft der weißen Rasse zu postulieren.

(c) Peter Kufner

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Durch den jüngsten Massenmord eines jungen Mannes im texanischen El Paso, der kurz vorher hasserfüllte, migrantenfeindliche Aussagen veröffentlicht hatte, wurde US-Präsident Donald Trumps eigene rhetorische Affinität für die Vorherrschaft der weißen Rasse ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

Immer wieder hatte Trump Mexikaner, Afroamerikaner und andere dunkelhäutige Menschen beleidigt. Er bezeichnete die Heimatländer von Einwanderern aus Haiti und Afrika als „Drecklöcher“. Und kürzlich forderte er die vier neuen Kongressmitglieder Alexandria Ocasio-Cortez, Rashida Tlaib, Ayanna Pressley und Ilhan Omar auf, dorthin „zurückzukehren“, wo sie angeblich herkommen. Alle vier sind natürlich amerikanische Bürgerinnen. Und alle bis auf eine (Omar) wurden in den USA geboren.

Trumps republikanische Unterstützer streiten ab, dass er ein Rassist sei. Wer kann das schon genau sagen? Aber er appelliert ganz klar an die dunkelsten Instinkte seiner Anhänger, die auf eine Art wütend, rachsüchtig, bigott und vorurteilsvoll sind, die nur als rassistisch bezeichnet werden kann. Indem er Hass schürt, hofft Trump, genug Wähler zu mobilisieren, um im nächsten Jahr wiedergewählt zu werden.

 

Er verdient es!

Dabei ist der Präsident sehr darauf bedacht, die Menschen nicht offen zur Gewalt aufzurufen. Aber viele gewalttätige Menschen fühlen sich durch seine Worte berechtigt, diesem Impuls nachzugeben. Dadurch wird Trumps Verhalten gefährlich und verabscheuungswürdig, und er muss dafür zur Verantwortung gezogen werden. Er verdient es, ein Rassist genannt zu werden. Einige seiner Kritiker gehen sogar noch weiter: Sie argumentieren, dass die Rasse bei den Wahlen von 2020 das zentrale Thema sein sollte. Da sich Trump auf wütende weiße Wähler stützt, müsse die Gegenstrategie darin bestehen, Diversität und farbige Menschen zu fördern und sich gegen Rassismus einzusetzen.

Einige Menschen haben gar nichts dagegen, als Rassisten bezeichnet zu werden. Bei einer Veranstaltung der französischen Nationalen Front riet der ehemalige Trump-Berater Stephen Bannon den Menschen, das Wort „Rassist“ als Ehrenbezeichnung zu betrachten. Aber viele Unterstützer Trumps sehen sich selbst nicht als Rassisten und wehren sich gegen diese Beschreibung. Eine ganze Menge dieser Leute, die oft aus der Arbeiterklasse stammen, haben vorher zweimal für Barack Obama gestimmt. Insbesondere in den entscheidenden Bundesstaaten des Mittleren Westens müssen die Demokraten einige dieser Wähler wieder für sich gewinnen.

Aber die Angst, Trumps Unterstützer zu beleidigen, ist nicht der einzige Grund, das Rassenthema in der Politik nicht noch stärker zu machen, als es bereits ist. Die Tatsache, dass Trump dieses Spiel spielt, ist für seine Gegner kein Grund, seinem Beispiel zu folgen. Was die Politik in den USA so kompliziert macht, ist die Verschmelzung von Rasse, Klasse und Kultur.

Senator Lindsey Graham aus South Carolina kritisierte Trump dafür, bei seinen feindseligen Bemerkungen gegenüber den vier Kongressmitgliedern zu persönlich geworden zu sein. Aber sie, wie er, als „Haufen von Kommunisten“ zu bezeichnen ist für eine bestimmte Denkweise nur allzu typisch. Für amerikanische Verhältnisse sind diese Frauen sicherlich links, aber bestimmt keine Kommunistinnen. Kommunismus und sogar Sozialismus werden in bestimmten rechtsgerichteten Kreisen per Definition als „unamerikanisch“ betrachtet. Dies war bereits Anfang der 1950er der Fall, als Senator Joseph McCarthy „unamerikanische Kommunisten“ verfolgte – und das Leben von vielen Menschen ruinierte, die lediglich links eingestellt waren.

 

„Wie gottlose Europäer“

Nach demselben Muster werden Schriftsteller, Professoren oder Rechtsanwälte, die reproduktive Freiheit bevorzugen, nicht an Gott glauben, sich für gleiche Rechte für Bürger aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen einsetzen oder eine allgemeine Krankenversicherung unterstützen, häufig beschuldigt, sich wie verweichlichte, gottlose Europäer zu verhalten.

Linke oder säkulare Ansichten können nicht mit einer bestimmten Rasse in Verbindung gebracht werden. Wenn überhaupt, dann werden sie von gut ausgebildeten Weißen vertreten. Wer glaubt, eine Koalition nicht weißer Minderheiten könnte Trumps weißem Chauvinismus am besten entgegentreten, sollte vorsichtig sein: Viele Afroamerikaner und Latinos sind religiös und sozial konservativ eingestellt. Natürlich spielt die Rasse im amerikanischen Kulturkampf eine wichtige Rolle. Und das Konzept der „weißen Privilegien“ ist durchaus gültig. Aber die politischen, sozialen und kulturellen Risse im Land in Begriffen einer rassischen Spaltung zu betrachten, könnte zu einer übermäßigen Polarisierung führen. Stellt man beim Kampf gegen Trump den Widerstand gegen die Privilegien der Weißen in den Mittelpunkt, birgt dies nicht nur die Gefahr, Menschen zu entfremden, die die Demokraten an ihrer Seite brauchen, sondern es könnte auch die Demokraten selbst gegeneinander aufwiegeln.

Der ehemalige Vizepräsident Joe Biden ist weit davon entfernt, für die Demokraten der ideale Kandidat zu sein. Er ist zu alt und unflexibel. Ihn aber anzugreifen oder gar eine Entschuldigung von ihm zu verlangen, weil er sagte, er sei in der Lage gewesen, mit Kollegen zusammenzuarbeiten, deren rassistische Vorurteile er nicht teilte, ist ein Fehler. Denn genau darum geht es in der Politik: mit Menschen zusammenzuarbeiten, deren Meinung man nicht teilt. Trump hat es geschafft, die Demokratische Partei weiter nach links zu treiben, als sie es unter Obama war. Dies kommt ihm sehr entgegen. Er hätte es gern, würden die vier Kongressmitglieder zum Gesicht seines politischen Gegners.

Biden, der stolz darauf ist, mit den Obama-Jahren in Verbindung gebracht zu werden, wird von seinen jüngeren Rivalen dafür kritisiert, unserer in rassischer Hinsicht empfindlicheren Zeit nicht gewachsen zu sein. Die zweite Nacht der demokratischen Debatten Ende Juli war durch einen Geist des Antagonismus gegen die Obama-Regierung geprägt. Biden fand dies „bizarr“. Damit hatte er recht. Obama war genau deshalb erfolgreich, weil er es schaffte, die Bedeutung der Rasse für seine Politik zu minimieren. Dabei hat er das Thema keineswegs ignoriert. In einigen seiner besten Reden ging es genau darum. Aber er hat es streng vermieden, Rasse zu seinem Hauptthema zu machen. Dies hatte er gar nicht nötig. Seine Wahl gab ihm dabei recht. Und er ist in seinem Land immer noch beliebter als jeder andere lebende Politiker.

Biden ist natürlich kein Obama. Aber die Tatsache, dass er unter schwarzen Wählern mehr Unterstützung genießt als alle seine – teils schwarzen – Wettbewerber, sollte uns zu denken geben. Wollen die Demokraten Trump schlagen, sollten sie seinen nicht perfekten, aber immer noch unendlich viel besseren Vorgänger in Ruhe lassen.

© Project Syndicate
Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

DER AUTOR

Ian Buruma (*1951 in Den Haag) studierte chinesische Literatur in Leiden und japanischen Film in Tokio. 2003 wurde er Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College in New York, 2008 mit dem Erasmus-Preis ausgezeichnet. Zahlreiche Publikationen; zuletzt ist von ihm in diesem Jahr erschienen:
„A Tokyo Romance: A Memoir“ (Penguin Press).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2019)

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