Wir kennen die Urheber des Ibiza-Skandals längst!

Replik. Ist die Aufdeckung der Drahtzieher wichtiger als der Inhalt des Ibiza-Videos? Nein, in Wirklichkeit müssen wir ihnen dankbar sein.

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Hans-Peter Siebenhaar, Wien-Korrespondent des deutschen „Handelsblatts“, gilt als kritischer Österreich-Experte. Mit „Die zerrissene Republik“ legte er 2017 ein Sittenbild unseres Kleinstaats vor. Sein Außenblick brachte da interessante Einsichten – umso mehr verwundert sein monothematischer „Presse“-Gastkommentar „Ibiza-Affäre: Was bisher fehlt, ist Transparenz“ am Samstag (31. 8.).

Die titelgebende These ähnelt einem politischen Appell. Für Siebenhaar verfügen die Österreicher am 29. September offenbar nur dann über „ausreichendes Wissen“ für den Gang zur Urne, wenn die Hintergründe des Videos hastig aufgedeckt und die Ermittlungen laufend transparent gemacht würden. Der derzeit halb aufgeklärte Zustand könne „zu einem verzerrten Wahlergebnis führen“.

Wieso eigentlich? Jeder Fokus auf die Enthüllung der Drahtzieher lenkt primär vom Skandal ab, der ja kein juristischer ist, sondern ein politisch-moralischer: Zwei vermeintliche Saubermänner verhandeln hartnäckig über schmutzige Geschäfte, die ihnen und ihrer Partei Vorteile bringen und die den von ihnen oft beschworenen „kleinen Mann“ sichtlich schädigen würden. Welche Vorteile wir von überhastet ausgeplauderten Teilergebnissen hätten, verrät Siebenhaar nicht. Dringend will er „die Urheber des Skandals“ kennen. Doch die kennen wir längst: Es sind Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus.

Relax, honey!

Zudem liegt in der Natur der Sache, dass Ermittler unabhängig ermitteln. Solange sie das tun, entscheiden sie, und nur sie, welche Details die Öffentlichkeit erfährt. Man möchte dem Kommentator zurufen: Relax, honey, die Drahtzieher werden professionell gesucht und verlässlich gefunden! Dafür existieren Behörden, deren Methoden ich als Staatsbürger vertraue und denen solche Aufklärungen sogar Spaß machen. Der Spaß endet jedoch bei Siebenhaars Überbetonung der „Falle“, die zwei Politikern gestellt wurde.

Falle hin oder her – Strache/Gudenus sprachen auf Ibiza exakt so, wie man das mutmaßen durfte. Sie ließen exakt jenen Grad an Käuflichkeit erkennen, der dem weltweiten Gebaren rechtspopulistischer bis rechtsextremer Politiker entspricht. Nichts davon überraschte – vorher fehlten lediglich Beweise und Dokumente. Und das Ibiza-Video ist als Dokument nun einmal um einiges unbestechlicher als seine Protagonisten. Deshalb sollte man jenen, die „die Falle“ stellten, dankbar sein, selbst wenn sie unlautere Gründe (Geldbeschaffung, Erpressung) hatten. Neben dem skrupellosen Unterfangen, das es war, wurde Ibiza vor allem zu einem tollen Service an der österreichischen Öffentlichkeit.

Die Fragen, die Siebenhaar interessieren, wirken wie aus einer FPÖ-Aussendung: „Wer hatte ein Interesse daran, die rechtskonservative Koalition zu stürzen? Wer wollte Strache und Gudenus politisch vernichten?“ Was denn, wenn gar niemand sie „vernichten“ wollte, sondern entweder (a) sie erpressbar machen oder (b) der Öffentlichkeit zeigen, nach welchen Mustern Rechtsextreme agieren? Natürlich ist (a) unglamourös – doch in den Auswirkungen gleichwertig mit (b).

Wer möchte ernsthaft argumentieren, Ibiza wäre uns allen besser erspart geblieben?

Das Video strahlt ja gerade so hell über die Grenzen, weil es Strukturelles aufzeigt. Man muss nur ans Umfeld von Salvini, Orbán oder Putin denken – nach Ibiza weiß man, wie solche Leute in solchen Situationen sprechen, fabulieren und schachern. Deshalb sind die Ausreden der Darsteller (Alkohol, K.-o.-Tropfen) auch derart amüsant.

Denn wir begegnen ihnen im Video zwar „nur“ privat, aber doch in einer triumphal-besessenen Begeisterung über sich und ihre Schlauheit. Nicht im Geringsten sind Strache/Gudenus „nicht sie selbst“, nein, schärfer hätte sie niemand abbilden können. Sie spielten die beste Rolle ihres Lebens – die authentischste – rührend ehrlich bis hinunter zu den Zehennägeln. Im Vergleich damit wirkt ihre offizielle Fassade („des woar jo ned i“) seit Ibiza pinocchiohaft und lässt einen auch ihre Parteikameraden, speziell den säuselnd-lieben Brillenbären Norbert Hofer, anders wahrnehmen.

Die beste Rolle ihres Lebens

„Wem wurden die Ibiza-Aufnahmen (. . .) angeboten?“, fragt Siebenhaar weiter. Na, wem schon? Okay, dem Haselsteiner. Mich als Verkäufer würde der erste Weg zu den Mitbewerbern führen. Und jeder, der auch nur eine vage Ahnung davon hat, wie Politik funktioniert, weiß, dass Gerüchte in dieser Branche selten länger als eine Nanosekunde geheim bleiben. Führungskräfte der drei großen Parteien schwören heilig und unglaubwürdig, dass sie vom Video fast zum gleichen Zeitpunkt wie „die Österreicher“ erfuhren – besonders ungeschickt wirkte da, wie der Kanzler diese Info unaufgefordert in seine Koalitionsbruch-Rede einflocht. In Wirklichkeit scheinen schon 2017 alle davon gewusst zu haben, pikanterweise, bevor Kurz mit Strache die Koalition ausverhandelte. Niederschmetternd, dass alle es abstreiten, spaßig hingegen die offensive Panik der Ertappten bei den regelmäßigen Aufdeckungen ihrer Geschäfte. Sobald die Siebenhaar'sche Forderung der Totalaufdeckung erfüllt sein wird, folgt unweigerlich die Blamage. Eh egal? Nein, denn leider wird es auch eine Blamage der Demokratie sein.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

Martin Amanshauser, (* 1968 in Salzburg, lebt in Wien) Autor, Historiker, Reisejournalist; im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen zuletzt „Die Amerikafalle oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben“ (2018) und „Es ist unangenehm im Sonnensystem“ (2019); Er schreibt eine fixe Kolumne im „Schaufenster“, der Freitagsbeilage der „Presse“. Mehr Infos: www.amanshauser.at


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2019)

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