Ohne Wirtschaftswandel bleibt's beim Klimawandel

Zentrale Industriezweige sollten Ressourceneffizienz zu einem zentralen „Ziel an sich“ machen, das nicht am Werkstor endet.

(c) Peter Kufner

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Jetzt ist richtig Druck im Thema „Kampf den menschlichen Einflussfaktoren des Klimawandels“ – und das ist gut so. Endlich werden nicht nur Maßnahmen diskutiert und abgewogen, sondern hoffentlich verstärkt ergriffen, um unseren Wirtschafts- und Lebensstil wieder in Einklang mit den ökosphärischen Stoffflüssen zu bringen und die Energiebereitstellung auf solare Basis umzustellen.

Während Sektoren wie Verkehr, Landwirtschaft, Ernährung und auch die Frage der Energieaufbringung sehr grundsätzlich und kontrovers diskutiert werden, bleibt eine fundamentale Grundcharakteristik des Wirtschaftssystems unangetastet. In den zentralen Industriezweigen korreliert wirtschaftlicher Erfolg nach wie vor mit gesteigertem Produktabsatz. Und das auch dort, wo die Abnehmer am eigentlichen Produkt kein Interesse haben, sondern an dem, was das Produkt leistet.

Niemand bezieht Strom oder Gas, weil das Produkt interessant ist – interessant sind Dienstleitungen wie Licht, Wärme oder Kraft. Es haben auch weder verarbeitende Betriebe oder Konsumentinnen und Konsumenten Interesse daran, Reinigungsmittel oder Farben zu „besitzen“. Diese Produkte bieten Leistungen: saubere Flächen oder etwa beschichtete Wände.

Nun gibt es schon länger Ansätze, doch gleich diese Leistungen zum Kern des Geschäftsmodells zu machen und so direkter auf Bedürfnisse der Kunden einzugehen. „Betreibermodell“ lautet der sperrige deutsche Begriff dieser Ansätze, die – ohne gezielte Förderung und Unterstützung – oft nicht so recht vom Fleck kommen. Die Umstellung der Geschäftsbasis bedarf Anstrengungen und des Vertrauens aufseiten beider Partner. Sowohl Produkthersteller als auch Anwender müssen dem Gegenüber Einblick in bislang vertrauliche innerbetriebliche Abläufe und Verfahrensschritte gewähren – die Partner müssen sich auf eine Einheit der Dienstleistung (gereinigte Fläche, Zeitdauer und Intensität der Beleuchtung etc.) einigen und auch innerbetriebliche Abläufe adaptieren.

Ausgesuchte Fälle zeigen, dass es den Schweiß der Edlen durchaus wert sein kann, sich auf dienstleistungsbasierte Geschäftsmodelle einzulassen. Gesteigerte Profitabilität, gestraffte Abläufe und enge Kundenbindung sind der Lohn – und das bei oft dramatisch reduziertem Ressourcenverbrauch.

Was derartige Ansätze, bei denen die Leistung der Produkte im Focus steht und nicht das Produkt selbst, aus Sicht des Klimaschutzes schlicht unverzichtbar macht, ist nämlich der Effekt, dass das ökonomische Interesse, möglichst viel von einem Produkt abzusetzen, nicht nur wegfällt, sondern sich ins Gegenteil verkehrt: Schaffe ich es als Energieversorger, meinem Kunden die gewünschte Ausleuchtung mit weniger (!) Energie (also weniger an meinem Produkt) bereitzustellen, wächst mein Profit.
Zweites Beispiel: Schaffe ich es, die vereinbarte Leistung (gereinigte Teile, beschichtete Fläche) mit einer geringeren Menge an Chemikalien zu erbringen, wird dies für mich als Chemikalienhersteller (!) zum gewinnsteigernden Faktor. Gerade in diesem Bereich gelang es in den vergangenen 15 Jahren im Rahmen einer ursprünglich österreichischen Initiative gemeinsam mit der Unido, in Dutzenden Branchen weltweit diesen Ansatz als „Chemikalien-Leasing“ zu etablieren. Zigtausende Tonnen an Chemikalien konnten so bei gesteigerter Profitabilität eingespart werden.

Schlüssel in der Klimafrage

Chemikalien, die nicht synthetisiert, transportiert, verarbeitet und entsorgt werden müssen – was eine immense Einsparung an Ressourcen und damit an Kohlendioxid-Emissionen mit sich bringt. Keine „Green Economy“ wird, wenn sie konsequent durchdacht ist, darauf verzichten können, effizienten Ressourceneinsatz in der Wertschöpfungskette zu einem ökonomisch motivierten Anliegen zu machen. Im Vorentwurf zum Programm der kommenden EU-Kommission, der „Politico“ zugespielt wurde, fand sich das Vorhaben, einen Fonds zur Finanzierung von „Chemikalien-Leasing“-Start-ups zu gründen. Das offizielle Brüssel distanzierte sich zwar von dem Papier, doch es wäre großartig, wenn diese Idee das Licht der Welt erblickte.

Genau diese Kernforderung, „Senkung des Ressourcenverbrauchs“, könnte als eigentlicher Schlüssel zur Klima- und Energiefrage in einem österreichischen Industriedialog formuliert werden. Während sich die Bürger zu einer Stärkung der Industrie bekennen, könnten sie dies an die Bedingung knüpfen, dass die Industrie Ressourceneffizienz zu einem zentralen „Ziel an sich“ macht, das nicht am Werkstor endet. Diese „gezielte Transformation“ könnte das Anliegen der Gesellschaft an die industrielle Entwicklung sein. Ein Anliegen, das die Richtung der industriellen Entwicklung bestimmt. Schon der „Österreichische Sachstandsbericht Klimawandel 2014“ weist in diese Richtung: „Neue Geschäftsmodelle (. . .) sind wesentliche Elemente der Transformation.

Sie betreffen vor allem den Umbau der energieverkaufenden Unternehmungen zu Spezialisten für Energiedienstleistungen.“
Bietet ein Energieversorger nicht mehr Strom an, sondern Licht, so wird es zu seinem wirtschaftlichen Ziel, dieses Licht mit möglichst geringem Aufwand an Energie herzustellen. In einer ressourceneffizienten Industrie verkauft der Produzent nicht sein Produkt, sondern in einer Partnerschaft mit dem Anwender die Leistung des Produkts. Auch ein Lampenhersteller verkauft dann keine Lampen mehr, sondern bietet in einer Partnerschaft mit einem Energieversorger Beleuchtung an. Alle Beteiligten haben nun ein Interesse daran, diese Beleuchtung mit optimalem Einsatz an Energie und Lampen zu bewerkstelligen, und nicht mehr daran, möglichst viel an Lampen und Energie zu verkaufen.

Die Grundstoffindustrie muss wie die gesamte anschließende Wertschöpfungskette bis zum Handel Teil dieser Geschäftsmodelle sein und bestehende Paradigmen hinterfragen. Wird auch sie Teil dieser neuen Geschäftsbeziehungen, so wird Wertschöpfung durch den Absatz an Leistungen erzielt, nicht durch den Absatz an Produkten. Es wird so zum wirtschaftlichen Interesse aller Beteiligten (auch des produzierenden Sektors), die angebotene Leistung mit optimalem Ressourceneinsatz zu erzielen. Technologische Trends wie Digitalisierung oder 3-D-Printing setzen die Grundstoffindustrie zusätzlich unter Druck, da sie die Effizienz beim Materialeinsatz oft drastisch erhöhen.

Auch Bereiche wie die Bau- und Mineralstoffindustrie werden sich dienstleistungsbasierten Ansätzen nicht entziehen können und nicht mehr Baumaterialien, sondern gemeinsam mit Planern und Baufirmen ganze Gebäudekonzepte und Konstruktionen anbieten. Nur so wandeln sie den Ressourceneffizienzdruck zu einem ökonomischen Vorteil. Solange die Industrie Gewinnmaximierung nur über Produktabsatz erzielt, sind Interessenkonflikte programmiert. Die gelebte Bereitschaft der Industriebetriebe, bestehende Geschäftsmodelle im Hinblick auf optimalen Ressourceneinsatz zu hinterfragen, wäre Bedingung für einen Gesellschaftsvertrag zugunsten einer Stärkung des Industriestandorts.

DER AUTOR:

Thomas Jakl (* 1965) ist Biologe und Erdwissenschaftler. Er arbeitete bis 1991 an der Uni Wien, wechselte dann ins Umweltministerium.
Inzwischen ist er in leitenden Funktionen im Bereich des Umweltschutzes in verschiedenen nationalen und internationalen Institutionen tätig. Unter anderem ist er Mitglied des Vorstandes des Forums Wissenschaft und Umwelt; er war Vorsitzender des Verwaltungsrates der EU-Chemikalienagentur.

 

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