Diener des Kaisers und des Schöpfers

Gemischte Loyalitäten: Donald Trump, Israels Premier Netanjahu – und ein alter antisemitischer Mythos.

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US-Präsident Donald Trump ist es zuletzt wieder einmal gelungen, Ängste zu schüren. Diesmal bezichtigte er seine jüdischen Bürger – die demokratisch gesinnten wenigstens – der Illoyalität. Denn sie hatten sich über das Einreiseverbot zweier US-Abgeordneten nach Israel entrüstet. Es war doppelte Illoyalität: gegen Trump und gegen Israels Premier, Benjamin Netanjahu. Mit diesem Vorwurf knüpfte Trump an eine lange antisemitische Tradition an.

Vor über zwei Jahrhunderten stellte die Regierung Napoleons die jüdische Treue zu Frankreich infrage. Worauf die jüdischen Abgeordneten des sogenannten Pariser Sanhedrins erwiderten: Die Vaterlandsliebe ist bei den Juden ein so natürliches und lebhaftes Gefühl, dass ein Jude aus Frankreich sich in England, auch wenn er dort unter Juden ist, als Fremder fühlt.

Das glühende Bekenntnis zum Patriotismus prägte das europäische Judentum der Emanzipationszeit. Wo Juden Bürgerrechte hatten, hielten sie Treue zu ihren Nationen – als Intellektuelle, als Handwerker, als Politiker oder auf dem Schlachtfeld. Dennoch wurde der Verdacht geteilter Loyalitäten zu einem fixen Topos des Antisemitismus, der 1894 in der Dreyfus-Affäre in Frankreich eskalierte.

„Tragt beider Lasten!“

Nur, woher stammt dieser Verdacht? Zum einen aus dem historischen Verständnis des Judentums als Nation. Wie kann das jüdische Volk einem anderen die Treue schwören? Dieses Problem löste das Pariser Sanhedrin, indem es dem Judentum die Nationalität absprach und dessen Einverleibung in eine „starke Nation“ als politische Erlösung sah. Das Judentum wurde Religion. Moses Mendelssohn hatte bereits früher argumentiert, dass das Judentum nur rituelle, nicht aber politische Treue fordere.

Ein Jude ist somit Diener zweier Herrn – Schöpfer und Kaiser. Tragt beider Lasten, so gut ihr könnt! Dies war Mendelssohns doppelte Loyalität.

Europäische Gesinnung

Zum anderen war es die europäische Gesinnung des Judentums, die Verdacht erweckte. Es bestand eine jüdische Affinität zum Europäertum, bevor es Europa in diesem Sinn gab, und daran hing auch der Vorwurf des jüdischen Kosmopolitismus. Aber in der doppelten Loyalität zu Europa und seinen Nationen (die auch die Habsburger Monarchie auszeichnete), erblickte das Judentum keinen Verrat, sondern eine humanistische Erweiterung des eigenen Patriotismus.

Die Gründung des Staats Israel erneuerte die Frage der Loyalität. Mehr als 800.000 Juden wurden um 1948 unter dem Vorwand der Illoyalität aus muslimischen Ländern vertrieben, wo sie über Generationen fast ungestört gelebt hatten. Andererseits versicherte David Ben Gurion 1950 den Juden Amerikas, dass sie dem Staat Israel keine politische Treue schuldeten. Wenn es heute eine jüdische Loyalität zu diesem Land gibt, so besteht sie – wie die jüdische Loyalität zum Judentum selbst – in einer endlosen Vielfalt. Doch eine Vielfalt der Loyalitäten bedeutet nicht Illoyalität.


Über die politischen Ansichten der US-Abgeordneten Rashida Tlaib und Ilhan Omar mag man streiten. Doch Meinungen und Irrtümer zu verbieten, das ist eine Politik, die erschaudern lassen sollte. Die Schwäche eines Regenten misst sich an der Angst vor seinen Kritikern, an der Angst vor Demokratie – und an der Einforderung blinder Loyalität. Dass jedoch Loyalität nicht blind sein muss und dass mehrfache Loyalitäten eben immer noch Loyalitäten sind, zeigt uns unter anderem die jüdische Geschichte.

Asher D. Biemann ist Professor für moderne jüdische Philosophie an der University of Virginia, USA, wo er seit über 20 Jahren lebt. Der gebürtige Grazer ist Autor zahlreicher Aufsätze und Bücher.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

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