(K)ein Plan? Es wird heiß und immer heißer…

Der ökonomische Blick Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Klimaökonom Karl Steininger zeigt auf, warum Österreich ohne effektiven Klimaplan auch wirtschaftlich den Anschluss verlieren wird.

++ THEMENBILD ++ KLIMA/KLIMAWANDEL/ERDERWAeRMUNG/ HITZE /SOMMER
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Auch unsere Breitengrade werden von Hitze nicht verschont. – APA/HARALD SCHNEIDER

Es war in den 1880ern: Der schwedische Physiker Svante Arrhenius unternimmt Studienreisen, ist mehrfach bei Ludwig Boltzmann in Graz, auf Basis dessen Gesetz er als erster - 1896 publiziert – ableitet, dass und in welchem Ausmaß die Menschheit durch Verbrennung fossilen Kohlenstoffs die globale Temperatur erhöht. Seine Berechnungen haben bis heute gehalten. Es dauert jedoch bis das Phänomen allgemeine Bekanntheit erlangt: Der erste UN Klima-Sachstandsbericht erscheint im Jahr 1990.

Die Klimakrise ist physikalisch verstandene Realität. Wir wissen, dass Wetter- und Klimaextreme so lange in ihrer Stärke weiter zunehmen werden, als wir den Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre nicht umkehren. Gründe, uns aus unserer fossilen Gefangenschaft zu befreien, gibt es reihenweise: Transferzahlungen für das Nicht-Einhalten Österreichs EU-Verpflichtungen in Höhe von bis zu 10 Milliarden Euro bis 2030, wetter- und klimabedingte Schäden in zumindest knapp doppelter Höhe, Gesundheitsschäden aus den weiteren Luftschadstoffen, sowie Wertschöpfungsabfluss an die Fossil-Exportländer von jährlich aktuell sieben Milliarden Euro netto. Vor allem aber: Wenn wir das Wirtschafts- und Steuersystem nicht aus ihren im doppelten Wortsinn fossilen Strukturen befreien, verlieren wir auch international den Anschluss, bleiben zurück mit Produkten, die nirgends mehr zukunftsfähig sind. Die deutsche Automobilindustrie lässt grüßen. Sie hat verabsäumt frühzeitig auf alternative Antriebe umzustellen, und bangt unter anderem um 40 Prozent Produktionsanteil, den sie nach China exportiert. Einem Land, das seine Emissionsstandards nun bereits strikter als die EU gesetzt hat.

Die Herausforderung der Strukturveränderung ist allerdings deutlich größer als beim letzten globalen Umweltproblem, bei dem die Staatengemeinschaft schnell die Trendumkehr geschafft hat: Dem Ozonloch. Damals konnten die auslösenden Treibgase FCKWs durch schnell (und billig) verfügbar gewordene Alternativen ersetzt werden.

Der ökonomische Blick

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Im Gegensatz dazu ist die fossile Energie mit dem gesamten Wirtschaftssystem viel inhärenter verwoben, ja das „Wirtschaftswachstum“ war erst mit der Nutzung fossiler Energie auf ein in der Menschheitsgeschichte zuvor nie dagewesenes höheres Niveau gesprungen. Und von da müssen wir nun in eine Transition weg von fossiler Energie? Der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs nennt das eine „Operation am offenen Herzen“.

Die kann ohne Vision nicht gelingen.

Die gute Nachricht: Für eine solche Vision haben wir bereits viele Bausteine verfügbar. Zukunftssichere Gebäudestrukturen, (weitgehend) energieautonom, -produzierend und kreislauforientiert, etwa die Abwärme in sogenannten Anergienetzen nutzend. Vielerorts in der Schweiz bereits gesamthaft implementiert, haben wir in Österreich jedenfalls die produzierenden Pioniere, vom PV- und Speicher-Bereich (z. B. Fronius) bis zum Holzbau (insbesondere in Westösterreich). Verschränkte Mobilität, die auf fußläufigen Raumstrukturen und damit zunächst aktiver Mobilität (zu Fuß und mit dem Rad) aufbaut, Fernstrecken öffentlich bedient, und elektrische Individual-Mobilität „für die letzte Meile“ integriert (bisheriger Vorreiter in Österreich: Vorarlberg).

Wie realisieren wir die Vision?

Eine Kreislaufwirtschaft könnte bereits im Übergang noch vorhandene fossile oder prozessbedingte CO2-Emissionen (aus der Stahl- oder Zementindustrie) mit erneuerbarem Wasserstoff in Methan/Methanol, und damit Ausgangsstoffe der Kohlenwasserstoffchemie (Pharma, Kunststoff, …) in ein Carbon Management einbinden. Für weitere, insgesamt 100 bewertete Lösungen: siehe Project Drawdown.

Grunderfordernisse für das Zusammensetzen dieser Bausteine in eine konsistente Vision sind: Zum einen den Blick auf das Gesamtsystem nie zu verlieren, zum anderen als Ausgangs- und Angelpunkt der Überlegung auf die letztlich gewünschte Dienstleistung (oder Funktion) abzustellen. Also nicht gefahrene Fahrzeugkilometer als Ziel (vielleicht real gar im Stau), sondern die Erreichbarkeit, die vielleicht viel klüger mit einer adäquaten, fußläufigen Raumstruktur erzielbar ist. Oder nicht 100 Prozent erneuerbaren Strom um jeden Preis, solange in einer Übergangsphase noch irgendwo Gas für Niedertemperatur eingesetzt wird, das dann jedenfalls nur in Wärme-Kraft-Kopplung effizient ist, und damit auch Strom „abwirft“.

Sorgenkind Verkehr

Wie aber realisieren wir diese Vision? Keiner von uns kennt den Weg bis ins letzte Detail, aber wir wissen bei weitem genug, um (endlich) in die richtige Richtung loszugehen. Tun wir das schon? Zwar ist die Klimakrise zu einem zentralen Wahlkampfthema geworden, aber die politischen Antworten der drei größeren Parteien fokussieren diesbezüglich nach wie vor primär auf Schein- und Show-Politik.

Beispiele? Wenn Sebastian Kurz im ORF-Sommergespräch eine CO2-Zollbesteuerung „für super hält“, und am Steak-Beispiel erläutert, sie sei genau das was wir brauchen, gleichzeitig aber jeder CO2-Steuer im Inland eine Absage erteilt: Zu dumm aber auch, dass dann aus Gründen des Nicht-Diskriminierungsgebotes der Welthandelsregeln der einzige zulässige Zollsteuersatz bei Null liegt. Und das, darf man annehmen, ist in einer Wirtschaftspartei wie der ÖVP bekannt. Oder wenn die frühere Nachhaltigkeitsministerin die 2018 geringeren Treibhausgasemissionen als Trendwende und Politikerfolg deklariert – wo ein einziger Blick in den Emissionsbericht genügt um zu sehen, dass die Verringerung nur zwei Einmaleffekten geschuldet war (nämlich der Wartung eines Hochofens der voest und einem milderen Winter), die Emissionen beim wirklichen Sorgenkind Verkehr weiter gestiegen sind. Oder wenn 140 km/h getestet werden. Oder wenn alle drei größeren Parteien einer CO2-Steuer „aus sozialen Überlegungen“ eine Absage erteilen, wo allgemein bekannt und von der Schweiz bis Schweden bereits vorgemacht, wie sie sozial verträglich gestaltet werden kann.

Zuletzt hat der Budgetdienst des österreichischen Parlaments im Detail dargestellt, wie eine CO2-Steuer mit Einnahmenverwendung für einen Klimabonus die Verteilung „klar zugunsten" des untersten Einkommensquintils verändert.

Abbildung 1: Abbildung 1: Pariser Klimazielweg—ein beispielhafter Referenzzielpfad (Musterzielpfad) für Österreich, der im Einklang mit den EU Zielen bis 2050 und mit dem globalen 1,5 Grad Ziel ist.
Abbildung 1: Abbildung 1: Pariser Klimazielweg—ein beispielhafter Referenzzielpfad (Musterzielpfad) für Österreich, der im Einklang mit den EU Zielen bis 2050 und mit dem globalen 1,5 Grad Ziel ist.
Abbildung 1: Abbildung 1: Pariser Klimazielweg—ein beispielhafter Referenzzielpfad (Musterzielpfad) für Österreich, der im Einklang mit den EU Zielen bis 2050 und mit dem globalen 1,5 Grad Ziel ist. – Quelle: Kirchengast et al. 2019, Ref-NEKP Kap. 1

Die Europäische Kommission hat den Entwurf des nationalen Energie und Klimaplans Österreichs aus dem Dezember 2018 gerügt, bis Ende dieses Jahres eine substanzielle Verbesserung gefordert (in Zielen, vor allem aber in Maßnahmen und deren Finanzierung). Die wissenschaftliche Community legte für den Prozess dorthin einen Referenzplan vor, wie Österreich seine Pariser Klimaziele einhalten kann. Je nach politischer Perspektive kann einer der darin aufgezeigten Wege aufgegriffen werden, Top-Down-regulierungsorientiert, oder stärker Bottom-Up aus individuellen Initiativen getragen, primär über technologische Innovationen, und/oder mittels sozialer Innovationen.

Der Start für eine (endlich) ehrlich lösungsorientierte gesellschaftliche Diskussion? Schauen wir unseren Kindern doch in die Augen!

Literatur

Arrhenius, Svante (1896), On the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground, Philosophical Magazine and Journal of Science Series 5, Vol 41, April 1896: 237-276.

European Commission (2018), Draft NECPs submitted to the European Commission, Commission recommendations on the draft plans, Commission assessment reports (SWD) and factsheets, Brussels.

Sachs, Jeffrey D., Guido Schmidt-Traub, Mariana Mazzucato, Dirk Messner, Nebojsa Nakicenovic & Johan Rockström (2019), Six Transformations to achieve the Sustainable Development Goals, Nature Sustainability, online Aug 26, 2019.

Schleicher, Stefan und Karl Steininger (2018), Dekarbonisierung und Carbon Management für Österreich, Diskussionsbeiträge für Strategien, Scientific Report No.79-2018, Wegener Center Verlag Graz, ISBN 978-3-9504501-8-7

Schleicher, Stefan und Karl W. Steininger (2017), Wirtschaft stärken und Klimaziele erreichen: Wege zu einem nahezu treibhausgas-emissionsfreien Österreich, Scientific Report No.73-2017, Wegener Center Verlag Graz, ISBN 978-3-9504501-1-8

Steininger, Karl W., Pablo Munoz, Jonas Karstensen, Glen Peters, Rita Strohmaier, Erik Velazquez (2018), Austria´s consumption based greenhouse gas emissions: Indentifying sectoral sources and destinations. Global Environmental Change 48: 226-242. doi: 10.1016/j.gloenvcha.2017.11.011

Der Autor

Karl W. Steininger ist Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre und am Wegener Center für Klima und globalen Wandel der Karl-Franzens-Universität Graz. Schwerpunkte seiner Forschung sind die ökonomische Abschätzung der Klimafolgen sowie die Analyse von ganzheitlichen Low-Carbon Transformationen in offenen Volkswirtschaften. Er ist Vorsitzender der Nationalökonomischen Gesellschaft, Mitherausgeber des aktuellen Österreichischen Sachstandsberichts Klimawandel, und leitet die Monitoringgruppe Klimaübereinkommen und Verkehr.

Karl Steininger – (c) Privat

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