Schluss mit Lügen und Desinformation!

Widerrede zum „Quergeschrieben“ von Karl-Peter Schwarz vom 22.8.: Nein, unser Raubbau an der Natur darf so nicht weitergehen.

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Lieber Karl-Peter Schwarz, der Klimawandel ist menschengemacht. Und zwar nicht nur zum Teil, sondern vollständig. Das wissen wir, weil wir alle anderen Ursachen ausschließen können. An der von der Sonne kommenden Strahlung liegt es nicht; zumindest sagen das Satellitendaten. Es sind eindeutig die Treibhausgase, insbesondere CO2 und Methan. Und natürlich mehr Wasserdampf, aus den aufgeheizten Meeren – aber das ist Folgeerscheinung und nicht Erstursache.

Beim CO2 wissen wir auch, woher es kommt. Der Sauerstoffanteil der Atmosphäre sinkt Jahr für Jahr: C + O2 = CO2. Wer in Chemie aufgepasst hat, weiß, dass das die Gleichung für eine Verbrennung ist. Die von Kohlenstoff. Kohle. Auch viele andere Dinge enthalten Kohlenstoff, und auch bei deren Verbrennung entsteht CO2. Wir wissen jedenfalls, dass der Kohlenstoff, der in der Atmosphäre Jahr für Jahr als CO2dazukommt, alt ist. Älter als ein paar Zehntausend Jahre, denn er enthält praktisch kein radioaktives 14C mehr. Deshalb sank auch der atmosphärische 14C-Anteil immer weiter, bis das Zeitalter der Atomtests vorübergehend alles durcheinanderbrachte. Atomtests an der Oberfläche sind seit Jahrzehnten verboten – und das 14C in der Atmosphäre folgt wieder dem alten Trend.

 

Unbequeme Wahrheit

Es gibt nur eine Erklärung: fossile Brennstoffe. Kohle, Öl und Gas; gefördert und verbrannt durch die Menschheit, stecken hinter dem Anstieg der CO2-Konzentration von vorindustriell 280ppm auf heute 410ppm.Greta Thunberg betreibt keinenKatastrophismus“, sie spricht nur eine unbequeme Wahrheit klar und deutlich aus: Das Klimasystem steht auf der Kippe.

Wir sind gefährlich nah daran, den Planeten in eine neue Heißzeit zu stoßen: Das arktische Eis schmilzt in Rekordgeschwindigkeit. Sibirien und Amazonien brennen. Städte, die für Jahrhunderte stabil auf Permafrost gebaut waren, sacken in sich zusammen.

Noch treiben wir Menschen mit unserem Treibhausgas-Ausstoß die Erhitzung an. Aber der Prozess droht uns zu entgleiten. Dann kippt die Erde auch ohne unser Zutun in einen „Hothouse Earth“-Zustand mit eisfreien Polen, zig Meter höherem Meeresspiegel und lebensgefährlicher Hitze in heute dicht besiedelten Regionen. Eine Bevölkerung von 7,5 Milliarden kann ein solcher Planet nicht mehr versorgen – das bedeutet Milliarden Tote.

 

Ungehörte Warnungen

Die Wissenschaft warnt seit Jahrzehnten – allein, es hörte niemand zu. Eine „Scientists‘ Warning to Humanity“, unterstützt von über 100 Nobelpreisträgern aus allen Wissenschaften, verhallte 1992 im Wind. Eine „Zweite Mitteilung“ im Jahr 2017 ebenfalls. Und auf genau diese Wissenschaft verweist auch Greta Thunberg: „Listen to the science.“ Hört auf die Wissenschaft. Aber Karl-Peter Schwarz will nicht zuhören. Stattdessen käut er ohne eigenes Denken wieder, womit milliardenschwere PR-Kampagnen der Fossilindustrie ihn und andere „Klimadissidenten“ gemästet haben. Und glaubt allen Ernstes, dass ein gewisser Ingmar Rentzhog (der es mit seinem Vermögen nicht einmal in die „Forbes“-Liste der Milliardäre geschafft hat) mit ein bisschen PR die ganze Kohle-, Öl- und Gasindustrie in den Schatten stellen kann.

Wenn Greta Thunberg es schafft, mit ihrer Botschaft die Bevölkerung aufzurütteln und die längst überfällige internationale Klimawende anzustoßen, dann hat sie den Friedensnobelpreis verdient – bei den Wettbüros ist sie schon heute Favoritin.

Martha-Sophie Krumpeck (*1991) engagiert sich bei „Fridays for Future“ und Extinction Rebellion. Sie hält sich durch regelmäßiges Lesen aktueller wissenschaftlicher Berichte und Fachartikel auf dem neuesten Stand.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2019)

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