Wir brauchen keine islamophobe Stimmungsmache

Eine Replik auf Ulrich Brunners Beitrag „Das Ende des Traums von Multikulti“.

Der Autor des Gastkommentars „Alles nur Faschisten?“ (vom 12.Oktober) wurde vor allem durch Bruno Kreiskys Aufforderung, er solle Geschichte lernen, bekannt. Um hier einen historischen Vergleich zu ziehen: Zu Kreiskys Lebzeiten, schon gar zu seiner Regierungszeit, wäre ein solcher Artikel der Volksverhetzung nicht möglich gewesen. „Die Presse“ hätte ihn nicht gedruckt.

Es wäre auch über Jahrzehnte in Österreich eine solche FPÖ nicht möglich gewesen, der ausnahmslos alle anderen Parteien nichts entgegenzusetzen haben – einfach deswegen, weil H.-C. Strache den Feind klar zu benennen weiß: Ausländer, insbesondere Muslime. Und die sind nun an allem schuld, was nicht so ist, wie es sein sollte, und wie es die Schreiber solcher peinlichen, jede Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit verletzenden Zeilen gerne hätten.

Dieser Text strotzt vor Rassismen und zwar ganz kruden biologischen und kulturellen Rassismen. Wieso wird unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit jeder noch so abscheuliche Rassismus plötzlich akzeptabel?

 

Eine Schmähung, eine Kränkung

Wenn da steht: Türken „sind laut, halten sich an keine Hausregel, verunreinigen das Stiegenhaus“. Dann ist dieser Satz eine Schmähung, eine Kränkung. Das Demütigendste, das man einem Menschen vorwerfen kann, ist, dass er schmutzig sei. Es wäre interessant zu erfahren, was diese Personen, mit denen Ulrich Brunner seine Erlebnisse hatte, die er solchermaßen erniedrigt, von ihm für eine Meinung haben, was sie über ihn zu berichten wissen.

Wenn da steht: „Einem türkischen Mann verbietet es seine Ehre, sich von einem Familienfremden etwas sagen zu lassen.“ Wie funktioniert dann die Türkei? Wie ist es der Türkei gelungen, laut dem Human Development Index (HDI) 2009, der Kaufkraft, Lebenserwartung und Bildungsniveau misst – kurz: die Lebensqualität –, zu den hoch entwickelten Ländern zu gehören, wenn sich dort angeblich niemand etwas von familienfremden Vorgesetzten sagen lässt?

Wie ist dies einem Volk gelungen, das „als Autorität (...) außer dem Vater niemanden akzeptiert“? Wir von der „Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung“ fragen uns: Wie passt das mit den bildungsresistenten Analphabeten zusammen, als die die Türken, alle Türken, hier dargestellt werden?

 

Absurde Argumentation

Die Argumentation dieses Textes ist absurd: Ein türkischer Familienvater hat klargemacht, dass er sich von Frauen nichts sagen lässt. Das gilt nun für alle türkischen Männer. Wenn Jugendliche sich danebenbenehmen, ist die gesamte Kultur daran schuld, wahlweise auch die Religion. Fehlverhalten eines Einzelnen wird allen angelastet.

Natürlich ist es genauso wenig hilfreich, Nachbarschaftsprobleme wegzudiskutieren, wie, sie Türken in die Schuhe zu schieben. Doch hier sollte „Die Presse“ nicht helfen, Konflikte zu ethnisieren, sondern Hintergründe aufdecken und über Lösungsansätze berichten.

Wenn ältere Menschen Angst haben, dann hauptsächlich deswegen, weil solche Hetzkampagnen betrieben werden, weil solche Hassprediger salonfähig geworden sind und Medien ihnen willig eine Plattform bieten. Was wir brauchen ist nicht islamophobe Stimmungsmache, sondern eine Bildungs-, Kommunikations- und Wohnpolitik, die Anderssprachige und Andersgläubige gleichmäßig auf Bezirke, Häuser und Schulen verteilt und auf persönlicher Ebene Vorurteile ausräumen hilft.

Dr. Ingrid Thurner ist Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Uni Wien und Mitglied der „Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung“ (www.univie.ac.at/tmb).


E-Mails an: debatte@diepresse.com


>>> Ulrich Brunner: "Alles nur Faschisten? Über das Ende des Traums von Multikulti"

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2010)

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