Wie der politische Diskurs die Wissenschaft bedroht

Das derzeitige politische Klima, geprägt durch Angst vor Überfremdung, gefährdet die internationale Attraktivität der Uni-Stadt Wien.

Im letzten Wiener Wahlkampf war wieder viel von „guten“ und „schlechten“ Ausländern die Rede. Diese Unterscheidung bezieht sich üblicherweise auf geografische Herkunft, sozialen Status, Religionszugehörigkeit oder Integrationsbereitschaft der Migranten und hat sich mittlerweile im öffentlichen Diskurs etabliert.

So wurde im Sommer seitens der Innenministerin argumentiert, dass Österreich die Bürokratie für hoch qualifizierte Arbeitskräfte lockern müsse, für weniger Qualifizierte aber verschärfen solle. Mithilfe der sogenannten Rot-Weiß-Rot-Card, die eine privilegierte Behandlung von ausdrücklich erwünschten Einwanderern vorsieht, hofft nun die Regierung dringend benötigte Arbeitskräfte nach Österreich locken zu können.

Gerade im Bereich der Wissenschaft gilt seit jeher die Idee, dass Internationalisierung der Qualität der Wissenschaft förderlich ist. Der Wunsch, dass ausländische „Spitzenleute“ nach Österreich kommen sollen, hat daher im Bereich der Wissenschaft und Forschung schon länger Tradition.

Die Wiener Universitäten unternehmen aktuell zahlreiche Anstrengungen, um ausländische Wissenschaftler nach Wien zu ziehen. Allein der Österreichische Austauschdienst holt durch seine Forschungsförderungsprogramme jährlich rund 1200 Wissenschaftler nach Wien; etwa 60 Prozent davon sind Drittstaatsangehörige.

 

Nicht nur Wiens Charme bedroht

Über den Wiener Wissenschafts- und Technologiefond konnten im Rahmen der Stiftungsprofessuren bereits sechs exzellente ausländische Forscher nach Wien kommen. Die internationalen Kontakte helfen beim Aufbau von internationalen Forschungsnetzwerken und stellen somit eine wichtige Investition in die Zukunft dar.

Doch kann man sich angesichts erfolgreicher ausländerfeindlicher Wahlkampagnen noch sicher sein, dass die zahlreichen Anstrengungen der Wiener Universitäten auch künftig noch Früchte tragen werden? Wissenschaftler leben nicht in einem Vakuum. Noch scheint die Politik nicht zu verstehen, wie sehr ein ausländerfeindlicher Diskurs der internationalen Attraktivität Wiens als Wissenschaftsstandort schadet.

ForscherInnen in Wien finden derzeit ein politisches Klima vor, das von Angst vor Überfremdung geprägt ist. Ein Klima, in dem rassistischen Argumenten in der öffentlichen Debatte kaum offensiv entgegengetreten wird.

Jegliche Spur der Diversität als Bedrohung darzustellen, bedroht nicht nur den Charme von Wien. Es birgt die Gefahr, einen schwerwiegenden Effekt auf die Wissenschaftskultur in Wien zu haben.

Anna Durnová, geb. in Tschechien, seit 1997 in Wien, ist promovierte Komparatistin und Politologin.
Katharina Concepción Zahradnik ist Lektorin und Doktorandin im Bereich Politikwissenschaft an der Universität Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2010)

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