Sexuelle Gewalt in der Kirche: Verziehen, vergangen, vorüber?

Die katholische Kirche hat bereut, Kommissionen eingerichtet. Ist die Aufarbeitung des klerikalen Missbrauchs damit erledigt?

Gastkommentar

Unter den Lehrveranstaltungen, die ich in diesem Wintersemester an der Universität Graz anbiete, ist ein Seminar zum sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche. Diese Lehrveranstaltung wird in englischer Sprache gehalten. Ich möchte die Studierenden dazu ermutigen und dabei unterstützen, wichtige Publikationen aus dem angloamerikanischen Raum, in dem der Missbrauchsskandal bisher am umfassendsten und kompetentesten analysiert und diskutiert wurde, in der Originalsprache zu lesen.

In dem Seminar sitzen elf Studierende, neun davon sind Frauen. Einer der beiden (männlichen) Studenten ist ein katholischer Geistlicher aus Nigeria. Es nimmt kein einziger Priesterseminarist an der Lehrveranstaltung teil.

„Nur durch die sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren, die zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben“, erklärte Papst Benedikt XVI. in seinem Hirtenbrief an die irischen Katholiken, „kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen und können wirkungsvolle Abhilfemaßnahmen gefunden werden.“

In seinem jüngsten Gespräch mit Peter Seewald weist der Papst darauf hin, dass das, „was für Irland galt, ja nicht nur zu Irland gesagt war“. Eine umfassende Diagnose über die komplexen Gründe des Missbrauchsskandals steht gesamtkirchlich noch aus und ist auch nicht so schnell zu erwarten. Vielen in der Kirche scheint dies zudem kein zentrales Anliegen (mehr) zu sein.

 

Kultur des Verzeihens?

Mit Sorge beobachte ich, dass eine wachsenden Zahl von angehenden und amtierenden Klerikern, aber auch von katholischen Laien, die Missbrauchsthematik allmählich leid ist. Manche von ihnen geben sich dem Wunschdenken hin, dass päpstliches Bedauern und bischöfliche Richtlinien das Problem bald aus der Welt oder zumindest aus der Kirche schaffen würden.

Kleriker, die Kinder und Jugendliche sexuell belästigt und vergewaltigt haben, seien entweder aus ihrem Amt entfernt oder psychotherapeutisch runderneuert worden, und die meisten dieser Fälle lägen ohnehin Jahrzehnte zurück. Überdies sei eine kirchliche „Kultur des Verzeihens“ gefordert, wie es in einer Aussendung der Diözese Graz-Seckau vom 11.Juni 2010 wortwörtlich hieß.

 

Selektive Vergebungsbereitschaft

Darin teilte der Generalvikar den Pfarrgemeinderäten zweier steirischer Pfarren mit, dass die kurzzeitige kirchliche Suspendierung ihrer Pfarrer, die wegen Sexualdelikten von einem staatlichen Gericht verurteilt worden waren, von der Diözesanleitung zurückgenommenworden sei.

„Kultur des Verzeihens“? Der von den katholischen Bischöfen der Vereinigten Staaten in Auftrag gegebene Bericht des John Jay College of Criminal Justice aus dem Jahre 2004 erkannte in der „unangebrachten Bereitschaft zu vergeben“ einen der Hauptgründe dafür, dass katholische Geistliche ihren sexuellen Neigungen ungehindert nachgehen konnten.

Diese Tatsache und der Respekt vor den Opfern klerikaler Gewalt verbieten jeden theologisch und psychologisch naiven Umgang mit dem Begriff der Verzeihung. Auch einem Brandstifter gegenüber sind Verzeihung und Mitgefühl gefordert. Aber bedeutet dies, dass ich ethisch richtig handle, wenn ich ihn mit einer Streichholzschachtel in der Hand in den Wald zurückschicke?

Die Gnade des Evangeliums ist keine „billige Schleuderware“ (Dietrich Bonhoeffer), jenem leichtfertigen Vergessen gleich, das in Strauss' „Fledermaus“ gepriesen wird: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“

Es lässt sich überdies belegen, dass bischöfliche Vergebungsbereitschaft in der Vergangenheit sehr selektiv funktionierte: Die Verletzung liturgischer Vorschriften oder die Veruntreuung kirchlichen Vermögens wurde häufig wesentlich strenger geahndet als sexueller Missbrauch.

 

Das klerikale Machtsystem

Inbrünstige bischöfliche Vergebungsbitten und die Betriebsamkeit von Missbrauchskommissionen vermitteln den Eindruck, als sei die katholische Kirche im Begriff, den Skandal sexueller Gewalt umfassend aufzuarbeiten: Die schwarzen Schafe unter den Klerikern wurden eliminiert oder therapiert, Buße und Demut reaktiviert, die bischöfliche Wachsamkeit gegenüber potenziellen klerikalen Kinderschändern intensiviert.

Pater Thomas Doyle dagegen interpretiert all diese Aktivitäten als bloß vordergründige, individualistisch verkürzte und sozialpsychologisch unterbelichtete Symptombehandlung, die die partiell unheilvolle Macht kirchlicher Strukturbedingungen ausblendet. Doyles Kritik ist grundsätzlicher: Die Hauptschuld an den zahlreichen Missbrauchsfällen trage eine von Klerikalismus geprägte, mittelalterlich-feudale Kirchenstruktur, jenes „geschlossene, hierarchische, in Geheimhaltung eingehüllte und durch die Macht der Angst aufrechterhaltene System“.

Der Dominikaner und Kirchenrechtsexperte Thomas Doyle und der Ex-Benediktiner und Psychotherapeut Richard Sipe zählen zu den führenden Autoritäten auf dem Gebiet des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Beide sind davon überzeugt, dass zwischen Pflichtzölibat, Klerikalismus und sexueller Gewalt ein ursächlicher Zusammenhang bestehe.

Die ausschließlich von Männern geprägte, homosoziale priesterliche Sozialisation, die klerikale Anmaßung „ontologischer Superiorität“ (Sipe), die vom einfachen Geistlichen geforderte Devotheit gegenüber einer bischöflichen Vaterfigur und die berufliche Nähe zu Kindern führten dazu, dass sich zum Teil psychosexuell hochgradig unreife Männer zum Priesterberuf hingezogen fühlten. „Wir wissen, dass das Zölibat nicht die einzige Ursache des Missbrauchs ist“, stellt auch Weihbischof Geoffrey Robinson, der ehemalige Leiter der Missbrauchskommission der australischen Bischofskonferenz, fest, „aber wir wissen auch, dass es völlig falsch wäre zu sagen, er habe damit gar nichts zu tun“.

 

Hinter verschlossenen Türen

In die gleiche Richtung weist die Diagnose des renommierten Sexualmediziners Klaus Michael Beier von der Berliner Universitätsklinik Charité: „Das Zölibat ist deshalb für Pädophile so attraktiv, weil sie ihre konfliktbeladene Sexualität hinter sich lassen möchten und sich von ihren sexuellen Impulsen befreien wollen.“ Die Flucht ins institutionelle Zölibat sei aber der falsche Weg, mit einer sexuellen Neigung zu Kindern (Pädophilie) oder Jugendlichen (Hebephilie, Ephebophilie) verantwortungsvoll und konstruktiv umzugehen.

Sexuelle Neigungen zu verleugnen führt laut Beier lediglich dazu, dass sie sich hinter verschlossenen Türen entfalten. Was das für eine Organisation wie die katholische Kirche konkret bedeutet, wissen wir inzwischen.


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Zur Person

Kurt Remele (*17.9. 1956 in Bruck/Mur) studierte katholische Theologie und Anglistik/Amerikanistik in Graz und Bochum. Seit 2001 ist er ao.Universitätsprofessor für Ethik und Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Graz, Fulbright Scholar an der Catholic University of America (2003), Gastprofessor an der University of Minnesota (2007). [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2010)

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