Weg in die Zukunft: Die auf Gemeinwohl umgepolte Wirtschaft

Es gibt eine Alternative zu kapitalistischer Markt- und zu zentralisierter Planwirtschaft: die Gemeinwohl-Ökonomie.

Gleich 88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der Österreicher wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung. Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet dabei eine Alternative zu kapitalistischer Markt- und zentraler Planwirtschaft. Sie baut auf humanen Werten auf und misst ihre Umsetzung in einer neuen unternehmerischen Hauptbilanz.

Drei frappierende Widersprüche kennzeichnen die gegenwärtige Wirtschaftsordnung.

• Erstens: Die Grundkoordinaten des Wirtschaftens – Gewinnstreben und Konkurrenz – fördern nicht vorrangig Beziehungswerte, sondern Eigennutz.

• Zweitens: Wir messen nicht das, was uns eigentlich wichtig ist – Vertrauen, Sicherheit, Wertschätzung, Bedürfnisbefriedigung –, sondern Geldaggregate.

• Drittens: Obwohl sich Hinweise aus Neurobiologie, Spieltheorie, Sozialpsychologie und Glücksforschung verdichten, dass Geld, Egoismus und Konkurrenz nicht die stärksten Motivatoren für Menschen sind, bauen wir die Anreiz- und Entlohnungssysteme sowie die gesamte Wirtschaftsordnung nach wie vor auf diesen (obsoleten) Koordinaten auf.

 

Umstellung der Systemweichen

Das von einem Kreis von Unternehmern gemeinsam mit mir ausgearbeitete Modell der Gemeinwohl-Ökonomie versucht diese Widersprüche aufzulösen, indem sie zentrale Systemweichen umstellt und das Streben der individuellen ökonomischen Akteure vom vorrangigen Eigennutz auf den Vorrang des Gemeinwohls „umpolt“.

Das Gemeinwohl soll nicht länger der erhoffte Nebeneffekt des individuellen Vorteilsstrebens sein, sondern zum Zweck der wirtschaftlichen Privatinitiative werden, die das Wohl des Einzelnen einschließt. Adam Smiths historischer Ausspruch „Nicht vom Wohlwollen des Bäckers, Brauers, Metzgers erwarten wir unsere tägliche Mahlzeit, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen verfolgen“ wird geglättet auf „Vom Wohlwollen aller Wirtschaftsakteure erwarten wir das Wohl aller“.

 

Ein neues Verständnis von Erfolg

Die erste Systemweiche, die dabei umgestellt wird, ist das Verständnis von unternehmerischem „Erfolg“: Dieser sollte nicht länger mit Finanzgewinn gleichgesetzt werden. Finanzgewinn sagt genauso wenig über den eigentlichen Sinn des Wirtschaftens aus wie ein höheres BIP über gesamtgesellschaftlichen Wohlstand: Ein höheres BIP kann mit höherer Arbeitslosigkeit, ungerechterer Verteilung, Umweltzerstörung und sogar aktiver Kriegsführung einhergehen; ein höherer betrieblicher Finanzgewinn mit weniger sozialer Sicherheit, geringeren Einkommen, Verlust an Lebensqualität, Gesundheitsgefährdung und der Verletzung der Menschenwürde.

Neue Bedeutung von unternehmerischem Erfolg sollte deshalb sein: ein größtmöglicher Beitrag zum allgemeinen Wohl. Operativ ginge das in drei Schritten: Gemeinwohlverhalten muss erstens in wesentlichen Punkten definiert, zweitens gemessen, drittens belohnt werden.

Für den ersten Schritt gibt es erfreulich übereinstimmende Vorarbeiten: „Berührungsgruppen“ (Stakeholder) wünschen sich weltweit von Unternehmen umfassende Transparenz, soziale Verantwortung, ökologisch nachhaltiges Wirtschaften, innerbetriebliche Demokratie sowie gesamtgesellschaftliche Solidarität.

Diese Grundwerte könnten in der „Gemeinwohlbilanz“, dem Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie, gemessen werden. Mehr als zwei Dutzend Unternehmer haben in den letzten zwei Jahren eine solche Bilanz entworfen.

Als dritter Schritt könnten die „Erfolgreichen“ in der neuen Bedeutung systematisch belohnt werden: Wer zum Beispiel die Beschäftigten mitbestimmen lässt, wer gleich viele Frauen in den Führungsgremien hat wie Männer, wer für gleichen Arbeitseinsatz gleichen Lohn bezahlt, wer einen hohen Anteil an Vorprodukten aus der Region bezieht, wer Know-how an Mit-Unternehmen weitergibt, erhält „Gemeinwohlpunkte“.

Je höher die Zahl der Gemeinwohlpunkte, desto besser ist die Gemeinwohlbilanz des Unternehmens und desto größer sind die rechtlichen Vorteile: günstigerer Mehrwertsteuersatz, niedrigerer Zolltarif, günstigerer Kredit bei der „Gemeinwohlbank“ oder Vorrang im öffentlichen Einkauf.

Da die erreichte Gemeinwohlfarbe auf allen Produkten aufscheint, haben auch die Konsumenten eine klare Orientierung für die Kaufentscheidung. Drittens erhalten Unternehmen umso mehr Gemeinwohlpunkte, je besser ihre Zulieferer und Geldgeber „performen“: Eine mächtige Aufschaukelungsspirale in Richtung Gemeinwohl kommt in Gang.

 

Eingeschränktes Gewinnstreben

Die Finanzbilanz bliebe erhalten, aber das Gewinnstreben würde eingeschränkt: Nach wie vor verwendet werden dürfen Gewinne für soziale und ökologisch wertvolle Investitionen, Kreditrückzahlungen, begrenzte Ausschüttungen an die Mitarbeitenden oder Rückstellungen. Nicht mehr erlaubt sind hingegen: feindliche Übernahmen, Investitionen auf den Finanzmärkten und die Ausschüttung an Personen, die das Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten.

Dahinter steht: Wirtschaftliche Freiheit ist zwar ein hoher Wert, aber kein Selbstzweck. Die gleiche Freiheit aller muss Vorrang haben vor der unbeschränkten Freiheit weniger.

In der Gemeinwohl-Ökonomie gäbe es deshalb zwar noch überwiegend private Unternehmen, diese werden jedoch aus der gegenwärtigen Motiv- und Anreizstruktur „Gewinnstreben und Konkurrenz“ herausgelöst und in den neuen Rahmen „Gemeinwohlstreben und Kooperation“ eingefügt.

Die Folgen wären nachhaltig: Wenn der Profit nicht mehr maximiert werden darf und Konkurrenzunternehmen nicht mehr feindlich übernommen werden dürfen, macht Wachstum als Hauptstrategie keinen Sinn: Alle Unternehmen wären vom allgemeinen Wachstumszwang erlöst.

Kooperation würde hingegen systemisch belohnt. Dadurch würden wir uns auch dem annähern, was „Konkurrenz“ im Lateinischen bedeutet: nicht gegeneinander agieren, sondern „miteinander laufen“ („con-currere“).

 

Kooperation nützt allen

In der Gemeinwohl-Ökonomie müssten wir davor keine Angst haben, weil Kartelle nur in einer Perspektive der Profitmaximierung Sinn ergeben; beim Streben nach mehr Gemeinwohl nützt die Kooperation hingegen allen.

Schließlich würden mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Menschen und Menschengruppen private Unternehmen gründen, weil sie sich in diesem neuen Ordnungs- und Anreizrahmen menschlich wohler fühlten als im gegenwärtigen System.


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Zur Person

Christian Felber (*9.12.1972 in Salzburg) unterrichtet Globalisierungskritik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist Gründungsmitglied der globalisierungskritischen Bewegung „attac“ in Österreich und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschien im Deuticke-Verlag „Die Gemeinwohl-Ökonomie“. [Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2011)

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