Mädchenbeschneidung: Kommt das Ende einer schädlichen Tradition?

Am Sonntag ist Welttag gegen die Genitalverstümmelung. Auch islamische Gelehrte unterstützen den Kampf gegen diese Praxis.

Das Thema weibliche Genitalverstümmelung – international hat sich dafür das Kürzel FGM (Female Genital Mutilation) etabliert – sollte über den derzeit die Nachrichten dominierenden Meldungen aus Tunesien und Ägypten nicht vergessen werden. Menschenrechte sind unteilbar – und dazu gehört die Unversehrtheit des Körpers.

Ein Tabu wurde in den vergangenen Jahren in jenen afrikanischen Gesellschaften gebrochen, in denen FGM noch verbreitet ist. Die weibliche Genitalverstümmelung, über Jahrtausende praktiziert, wird in ihren dramatischen Folgen für die Gesundheit und das Wohlergehen der Frauen zunehmend offen diskutiert. Aufklärung und ehrliches Bemühen, die Bevölkerung direkt einzubinden, zeigen Erfolge. So gibt es berechtigte Hoffnung, dass in zehn Jahren das Ende dieser schädlichen Tradition gekommen sein könnte.

Religiöse Autoritäten tragen wesentlich zu dieser positiven Entwicklung bei. Inzwischen verurteilen mehrere Fatwas (religiöse islamische Gutachten) die Genitalverstümmelung. Zu nennen sind hier die Schlusserklärung der Al-Azhar-Konferenz im November 2006 und die Fatwa von Scheich Yousuf Al Qaradawi vom März 2009, die eine Richtung für eine große Konferenz in Addis Abeba im April 2009 vorgaben. Die Botschaft „FGM ist mit dem Islam nicht vereinbar“ liegt all diesen Gutachten zugrunde. Damit konnte Versuchen, eine religiöse Rechtfertigung zu finden, der Boden entzogen werden.

 

Pionierarbeit in Wien

In Wien wurde schon 2005 Pionierarbeit geleistet. Damals referierte Scheich Adnan Ibrahim die religiöse Beweisführung. Dabei legte er besonderes Gewicht auf das Recht sexueller Erfüllung in der Ehe, das die Genitalverstümmelung im Wortsinn beschneide.

Ich war Teilnehmer an afrikanischen Konferenzen. Das „Goldene Buch“ versammelt die Ergebnisse und wird nun an Moscheen in Afrika verteilt. Dabei soll jeder Imam, in dessen Gebiet der Brauch noch stattfindet, ein Exemplar als Unterstützung für die theologische Argumentation gegen Genitalverstümmelung erhalten.

 

Abschaffung mit Hindernissen

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung ist der Weg zur Abschaffung nicht frei von Hindernissen. In der Konferenz von Addis Abeba gab es heftige Diskussionen mit einigen Delegierten. Ein junger sudanesischer Imam, ein äthiopischer Mufti und eine Handvoll Hardliner bestanden darauf, den Begriff „Sunna-Beschneidung“ verankert zu sehen.

Da die „Sunna“ die Überlieferung vorbildlicher Handlungen des Propheten bedeutet, nach dem Koran die zweite Quelle der Religion, würde dies den Anschein erwecken, als läge in der weiblichen Beschneidung etwas „Islamisches“. Gleichzeitig betonten diese Männer, dass die „Sunna-Beschneidung“ nichts mit den gängigen Formen weiblicher Beschneidung zu tun habe. Denn hier gehe es um die Entfernung der Klitorisvorhaut durch medizinisches Personal und unter Einhaltung der hygienischen Bedingungen.

So berechtigt dieser Einwand aus ethnologischer Sicht sein mag, hilft er im Kampf gegen FGM nicht weiter. Primär einmal muss jede Art der Mädchenbeschneidung gestoppt werden – radikal und ohne Schlupflöcher.

In Addis Abeba konnte trotz anfänglichen Widerstands ein Konsens der totalen Ablehnung der Genitalverstümmelung erreicht werden. Zwar müssen diese Beschlüsse erstmal praktisch umgesetzt werden, aber sie geben zumindest Grund, etwas optimistischer in die Zukunft zu blicken.

Tarafa Baghajati (*1.9.1961 in Damaskus) ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen. Er ist seit 2005 aktiv gegen weibliche Genitalverstümmelung.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2011)

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