Watschen ins Gesicht des exzentrischen Individualismus

Wer Peter Noevers Abgang als das Ende eines „längst überfälligen Finales“ feiert, verkennt seine enorme wie nachhaltige Leistung.

Gastkommentar.

Wenn die Casa MAK zur Causa MAK mutiert, schlagen Vorurteile hohe Wellen – weit über den Anlassfall „Noevers Fest für seine Frau Mama“ hinaus. Das lässt sich der eine oder die andere schon auf der Zunge zergehen: Der Grüne Wolfgang Zinggl spricht gar vom „Ende der Feudalherren“ in den Bundesmuseen.

Dabei vergisst der Abgeordnete allerdings, dass Peter Noever, wie kaum ein anderer im Rang eines Museumsdirektors, sich gegen die lebendige Arroganz und Saturiertheit eines immer noch ständestaatlich gesonnenen Kulturbürgertums wie gegen den strukturkonservativen Nationalpatriotismus einer breiten Wiener Wählerschicht gewehrt und mit dem MAK ein unübersehbares Zeichen internationaler Urbanität gesetzt hat – und das über viele Jahre.

Möge sich Herr Zinggl doch an die Zeiten seiner „Wochenklausur“ erinnern, bei der er mit der Verve eines selbsternannten Politkommissars die KünstlerInnen an die prekäre Front seiner Kulturpolitik geschickt hat, never mind. Sich dermaßen am „Sturz“ von Noever zu delektieren, dass unweigerlich sein Lebenswerk, das MAK, daran Schaden nehmen muss, wirft ein beredtes Licht auf jene Leute, die es eben „schon immer gewusst haben“, dass einem Provokateur vom Schlage Noevers überhaupt die Leitung eines „Ringstraßenmuseums“ in bester Lage nie hätte überantwortet werden dürfen!

 

Weltbekannte Institution MAK

Peter Noevers Gestus, das Haus zu führen, mag zu bekritteln sein, der Grund seines Rücktritts aus der Sicht des Strafrechts bedenklich – nur, wer seinen Abgang als das Ende eines „längst überfälligen Finales“ feiert, verkennt die enorme wie nachhaltige Leistung dieses Wiener Kulturproduzenten und Künstlers. Aus einem verstaubten Archivbehälter beim Stadtpark hat Noever eine weltbekannte Institution kreiert, in der alle relevanten DesignerInnen und ArchitektInnen der letzten Jahrzehnte und viele KünstlerInnen persönlich und durch ihr Werk präsent waren. Seine Netzwerke brachten es zustande, dass diese internationale Deutungsmacht einer Avantgarde von Weltrang sich im MAK, und damit in Wien, buchstäblich materialisiert hat.

 

Ein Exempel statuiert

Dass der zum Skandal stilisierte „Fehler“, den Noever zweifelsohne begangen hat und der auch nicht schöngeredet werden soll, aber die tief verwurzelten Ressentiments urwienerischen Traditionsverhaftetseins zutage bringt, ist genauso „objektiv“ wie der Taschenrechner des Controllers oder das Realitätsprinzip des Staatsanwalts.

Alt- und neukonservativer Oberschicht und einem strukturfaschistoiden Kleinbürgertum gelingt ein Aufschrei unisono: „Dem Noever“ am Zeug flicken zu können, ist eine „Watschen“ ins Gesicht des exzentrischen Individualismus, der dafür steht, dass im Sog der Vereinnahmung unserer Evaluierungsgesellschaft die Freiheitsobsession unbedingt aufrechtzuerhalten ist. Vermutlich sollte an Noever ein Exempel statuiert werden, dass ein „Dagegenhalten“ sich gar nicht lohnt – es eben nicht dafürsteht, eine „Utopie des In Between“ kämpferisch zu verteidigen.

Noevers originäre Position war und ist, sich im Paradoxen zu exponieren: sich und anderen zu zeigen, dass die Widersprüche, in die uns die Gesellschaft ununterbrochen bringt, individuell auszuhalten sind – selbst als beamteter Direktor eines österreichischen Bundesmuseums. Mit Noever ist das MAK „in der Gegenwart angekommen“. Jetzt wollen wir schauen, ob seinen NachfolgerInnen darin eine Zukunft beschieden sein wird.

Herbert Lachmayer (*1948 in Wien) ist Professor an der Kunstuniversität Linz; erweiterte Lehrtätigkeit in Stanford, Weimar und London.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2011)

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