Über die Klasse, die glaubt, immer alles im Griff zu haben

Auch nach Fukushima wird die Atomlobby wieder argumentieren, dass es ohne Nuklearenergie nicht geht. Die Wahrheit ist: Der Ausstieg aus der Atomenergie ist machbar – ebenso wie der Ausstieg aus Erdöl, Erdgas und Kohle.

Gastkommentar

Für eine gewisse gewissenlose Klasse von Technikern, Ingenieuren und Wissenschaftlern ist Machbarkeit ein Gott, ein Götzengott. Diese Leute definieren sich als Angehörige einer Elite, so denken und handeln sie auch. Alles glauben sie im Griff zu haben, zu kontrollieren. Die ganze Natur, denken sie, liege ihnen zu Füßen, beherrschbar. Sie bedenken nicht Anfang und Ende, nicht das Wissen der anderen.

Diese Leute bemühen ständig den Begriff „Spitzentechnologie“, betreiben schnelle Brüter und Wiederaufbereitungsanlagen, in denen tonnenweise mit dem giftigsten Stoff der Welt hantiert wird – Plutonium, das in jeder Dosis schädlich ist.

Plutonium (Pu-239) hat eine physikalische Halbwertszeit von mehr als 24.000 Jahren. Das heißt: Bis es auf ein Zehntel der ursprünglich freigesetzten Menge zerfallen ist, vergehen rund 240.000 Jahre. Würde das Plutonium in den Brennstäben von Fukushima in die Umwelt gelangen, wäre eine weltweite hochgradige Verseuchung die Folge. Eine halbe Ewigkeit lang.

 

Erhaben über die Welt

Diese Leute konstruieren und bauen Raketen und ABC-Waffen, Drohnen und Wasserstoffbomben, Urangeschosse und Streubomben. Sie bohren in der Tiefsee nach Erdöl. Umweltkatastrophen wie im Golf von Mexiko kalkulieren sie ein, abgebucht unter Restrisiko. Sie fühlen sich erhaben über die Welt. Der Machbarkeitswahn ist nahe beim Größenwahn angesiedelt.

Zwischen 600.000 und einer Million „Liquidatoren“ wurden vor 25 Jahren, als Tschernobyl in die Luft flog, für die Aufräumungsarbeiten im „Havarie“-Reaktor verheizt, vor allem junge Menschen. Die meisten sind schon tot oder leiden an Spätfolgen wie Krebs.

Die Menschen weit über die Ukraine und Weißrussland hinaus leiden heute noch an Krebs, Missbildungen, Erbschäden. Auch jetzt noch sind die Lebensmittel verseucht. Ein zweiter „Sarkophag“, eine dicke Betonhülle um den Reaktor, muss gebaut werden, weil die Strahlung nach wie vor alles ruiniert. Aber die Machthaber in Russland lassen neue Atommeiler bauen. Die Technokraten sind die Handlanger der ihnen verwandten Bürokraten in den Schaltzentralen der Macht, gewisser Bosse in weltweit operierenden Konzernen wie Tepco, Betreiber der Fukushima-Reaktoren. Tepco, einer der größten Energiekonzerne der Welt, 52.000 Mitarbeiter, hat die Öffentlichkeit mehrfach belogen und Unfälle vertuscht.

Verantwortung? Fehlanzeige. Das Risiko in Dimensionen wie Tschernobyl oder Fukushima ist nicht versicherbar, weil die Summen ins Astronomische gehen? Im Ernstfall blecht der Steuerzahler, der Bürger, das Lieblingsopfer.

 

Unlösbares Problem Endlagerung

Was wird die Atomlobby in Orwell'scher Verdrehung der Wahrheit nach Fukushima sagen? Wir brauchen Atomenergie. Sie ist sauber und schützt das Klima. Ihre vielen Pferdefüße wird sie unterm Tisch behalten. Und: Die Probleme der Endlagerung des hochradioaktiven Mülls sind nicht lösbar. Und: Die „friedliche Nutzung“ der Atomenergie ist aufs Engste verzahnt mit der militärischen.

Von der Atomlobby hört man schon jetzt – während in Fukushima die Kernschmelze fortschreitet: Die Welt braucht Atomstrom, sonst gehen die Lichter aus. Die uralte Lüge wird wieder aufgekocht. Wie beim Erdöl heißt es: unverzichtbar. Die Ökonomie, die internationale Wettbewerbsfähigkeit, der Alltag, die Strompreise, die Arbeitsplätze, die Wirtschaft verlangten es.

Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung? Belanglos. Moral? Was ist das? Menschlichkeit, Mitgefühl? Nie gehört. Kritik? Wird als Panikmache denunziert. Erneuerbare Energie? Sie sei, so wird gelogen, nicht ausreichend, zu teuer.

Die Wahrheit ist: Der Ausstieg aus der Atomenergie ist machbar, ebenso wie der Ausstieg aus den anderen nicht erneuerbaren Energiequellen Erdöl, Erdgas und Kohle. Nicht von heute auf morgen, aber zügig. Wir haben keine andere Wahl, denn sogar vorsichtige Prognosen für die erste Hälfte dieses Jahrhunderts gehen davon aus, dass die Ölförderung deutlich schrumpft, die Preise in schwindelerregende Höhen steigen.

Auch die Uran-Reserven gehen zur Neige, weshalb schon jetzt auf Plutoniumtechnologie gesetzt wird – mit allen unabsehbaren Konsequenzen. Wenn nicht rechtzeitig gehandelt wird, kommt es zu einem totalen Chaos. Nichts geht dann mehr. Wenn dieses Szenario eintritt, liegen unsere Überlebenschancen nach dem Zukunftsforscher Rolf Kreibich vom IZT Berlin nur noch bei zehn Prozent.

 

Sonne, Wind und Wasser

Wenn Atom- und Erdölzeitalter zu Ende gehen, bleibt als einziger Ausweg die Sonnenenergie, zu der auch Windenergie und alle Energieformen auf der Basis nachwachsender Rohstoffe sowie die Wasserkraft gehören.

Noch haben wir (aber nicht mehr lange) eine Überlebenschance, wenn wir die Volkswirtschaften ab sofort Schritt für Schritt auf erneuerbare Energie und nachwachsende Rohstoffe umstellen. Die Sonne liefert 15.000-mal mehr Energie als die Weltbevölkerung derzeit konsumiert. Anders gesagt: Binnen drei Stunden erreicht uns die gleiche Menge Energie, die pro Jahr weltweit verbraucht wird.

Sonne, Wind und Wasser: Diesen dreien gehört die Zukunft. Dazu kommen, um nur einige Beispiele zu nennen: solare Wasserstofftechnik, optimierte Brennstoffzellen, der Einsatz von Algen zur Energiegewinnung und die Nutzung geothermischer Energie.

Zusammen mit ausgeklügeltem Energiesparen kann die Energiewende spielend geschafft werden, das zeigen zahlreiche seriöse Studien. Voraussetzung ist freilich, dass die finanziellen Mittel nur noch für erneuerbare Energie eingesetzt werden. Euratom ade!

 

Rettung für das Weltklima

Die Erneuerbaren sind so gut wie schadstofffrei und daher auch eine Rettung für das Weltklima, ein Jobknüller obendrein: Bis 2020 könnten allein in der EU durch erneuerbare Energieträger 900.000 Arbeitsplätze zusätzlich geschaffen werden.

Beispiele zeigen, dass trotz Gegenwind die Solarenergie nicht aufzuhalten ist. Gerade das durch Fukushima geschockte Japan beherrscht auf dem Sektor Solarzellen den Weltmarkt. Allein 2002 wurden Solarstromanlagen mit einer Leistung von 140 Megawatt installiert.

In keinem anderen Land der Welt wird mehr Strom aus Wind produziert als in Deutschland. Bei der Fotovoltaik liegt das Land auf Platz zwei. Deutschland ist in Europa mit Abstand der größte Solarthermie-Markt. Nach dem Bundesverband Erneuerbare Energie können vor allem regenerative Kombikraftwerke bis 2020 die Hälfte der deutschen Stromversorgung sichern.

Im Spannungsfeld zwischen Machbarkeitswahn und Vernunft muss sich die Menschheit endlich für den Weg der Vernunft entscheiden. Sonst ist ihr Schicksal besiegelt.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Wolfgang Hingst (* 1938 in Wien) ist Historiker und Journalist. Jahrzehntelang Redakteur, Filmemacher und Dokumentarist im ORF. Konrad-Lorenz-Preis. Buchautor, Essayist. Unter anderem zahlreiche Publikationen zu den Themen Radioaktivität und erneuerbare Energie. [PRIVAT]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2011)

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