Russland greift zur Tom-Sawyer-Strategie

Die russische Führung und ihre liberalen Kritiker sind sich ausnahmsweise in einem Punkt einig: Um Wachstumsraten und Arbeitsplätze zu sichern, müsse das Land in Innovationen investieren. Es ginge auch anders.

Gastkommentar

In der „guten alten Zeit“ genügte es, dass Russland seine Öl- und Gasvorkommen ausbeutete. Heute reicht das nicht mehr aus. Zumindest hört man das sowohl im Kreml als auch unter den regierungskritischen Intellektuellen. Um seinen Wohlstand zu vergrößern, müsse das Land zum neuesten Wissensstand aufschließen und in Nano-, Laser- und Gentechnik, Supraleiter und andere Technologien des Informationszeitalters investieren.

Innovation ist – wie Mutterschaft und Staatsfeiertage – zu einem solch universalen Wert geworden, dass sich in Schwierigkeiten bringt, wer ihn zu hinterfragen wagt. Um also Missverständnisse zu vermeiden: Die Förderung der Wissenschaft sollte ein selbstverständliches Ziel sein.

Doch die Strategie, mit Investitionen in Hochtechnologien das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, könnte für die russische Elite zu Enttäuschungen führen. Das legt zumindest ein Blick auf die Wirtschaftsgeschichte anderer Länder nahe.

Nehmen wir zum Beispiel Großbritannien, die treibende Kraft der Industriellen Revolution. Zwischen 1700 und 1829 wuchs das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um 36Prozent. Das mag beeindruckend erscheinen, aber nur solange man nicht bedenkt, dass in derselben Zeit dass BIP des kolonialen Brasilien um 41Prozent wuchs und jenes der damaligen Provinzen Kanada und der Vereinigten Staaten um 110 bzw. 139Prozent.

 

Innovation und Wachstum

Oder nehmen wir die USA, deren Wissenschaftler die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dominierten. Zwischen 1950 und 2008 ist das amerikanische Pro-Kopf-BIP um 226Prozent gestiegen. Auch dies mag nach einer sehr hohen Wachstumsrate aussehen, doch der Durchschnitt für alle Länder lag bei 261Prozent. Das amerikanische Wachstum fiel nicht nur hinter den asiatischen Wirtschaftswundern China (1401Prozent) und Singapur (1161Prozent) weit zurück, sondern auch hinter Spätentwicklern wie Griechenland (754 Prozent).

Selbst diese Zahlen übertreiben noch den Beitrag technologischer Innovationen. Ein Großteil des Wachstums in Großbritannien und den USA in den genannten Zeiträumen hatte andere Gründe.

Laut dem Wirtschaftshistoriker Nicholas Crafts kann nur etwas mehr als ein Drittel von Großbritanniens Wachstumsrate auf eine höhere Produktivität zurückgeführt werden – und nur ein Teil dieses Drittels kann dem technologischen Fortschritt zugeschrieben werden. Der Harvard-Ökonom Dale Jorgensen weist darauf hin, dass trotz der Revolution in der Informationstechnologie weniger als zwölf Prozent des amerikanischen Wirtschaftswachstums in den letzten Jahrzehnten durch Innovationen erreicht wurden.

Statistiken bestätigen, dass Volkwirtschaften, die in der jeweiligen Ära am innovativsten waren, normalerweise die langsamsten Wachstumsraten hatten.

 

Kosten und technische Probleme

Doch warum haben revolutionäre Erfindungen keine größeren Auswirkungen? Zum einen brauchen Neuentdeckungen meistens sehr lange, bis sie sich wirtschaftlich rechnen. Massive Investitionen sind notwendig, um veraltete Betriebsmittel auszutauschen. Die Dampfkraft – das Symbol für den Durchbruch der Industriellen Revolution – hatte ihren größten Einfluss auf das Wirtschaftswachstum erst etwa hundert Jahre nach Watts Entdeckung. Denn im späten 19. Jahrhundert dauerte es Jahrzehnte, bis Fabriken auf die Nutzung elektrischer Energie umgestellt waren.

Abseits von Kosten und technischen Schwierigkeiten gibt es auch noch andere Hindernisse, die der Kommerzialisierung neuer Ideen entgegenwirken. So verbünden sich oft Interessengruppen und Regulierungsbehörden mit einem Hang zur Bürokratie, um Veränderungen zu blockieren.

Was für Wirtschaftswachstum entscheidend ist, ist jedenfalls nicht, wo eine Idee das erste Mal auftauchte, sondern wo sie weiterentwickelt wurde. Und das hängt weniger von der Intelligenz der Wissenschaftler oder dem Ausmaß staatlicher Förderungen ab, sondern von der Beschaffenheit des wirtschaftlichen Umfelds.

In Ländern mit relativ sicheren Eigentumsrechten, kompetitiver Marktwirtschaft und liberaler Gesetzgebung können Entdeckungen– auch wenn sie anderswo gemacht wurden – schnell und profitabel vermarktet werden.

 

Der schwierigste Pfad

Aus all dem lässt sich eine einfache Schlussfolgerung ziehen: Selbst wenn russische Wissenschaftler glänzende Ideen hätten, werden diese wohl zuerst anderswo umgesetzt werden – zumindest solange das Land keine großen wirtschaftlichen und politischen Reformen in Angriff nimmt. Ohne diese Reformen werden Technologiezentren kaum einen wirtschaftlichen Effekt haben. Vielmehr werden sie nur die Mekkas der Massenproduktion in China und Indien mit neuen Ideen versorgen.

Technologische Innovationen sind natürlich wichtig, aber sie sind der schwierigste Pfad, den ein Land für seine Entwicklung beschreiten kann. Er wird nur von Ländern eingeschlagen, die alle anderen Möglichkeiten zu mehr Wohlstand bereits ausgeschöpft haben.

 

Wettbewerb, Eigentumsrechte

Was hätte Russland lieber: eine Wachstumsrate von 2,7 Prozent pro Jahr, wie die USA, oder eine von acht Prozent, wie China? Rasantes Wachstum, sofern nicht durch einen Rohstoffboom verursacht, ist fast immer das Ergebnis der Nutzung von Technologien, Geschäftsmodellen und Managementmethoden, die sich schon anderswo bewährt haben. Angesichts der geringen Produktivität in manchen russischen Branchen und Unternehmen gibt es ein enormes Potenzial für diese Entwicklungsstrategie.

Die Voraussetzungen dafür sind dieselben, die auch für die erfolgreiche Entwicklung von innovativen Techniken gelten: Wettbewerb – damit Unternehmen einen Anreiz haben, besser als ihre Konkurrenten zu sein. Sichere Eigentumsrechte – damit sie das Risiko eingehen, in Anlagekapital zu investieren. Unternehmensfreundliche Gesetze – um ausländische Investoren mit ihrem Know-how anzuziehen.

In einem berühmten Kapitel in Mark Twains Roman „Huckleberry Finn“ versucht Tom Sawyer, einen Sklaven zu befreien, der in einem Schuppen eingesperrt ist. Anstatt aber einfach den Schlüssel zu benutzen, entscheidet Tom sich dafür, mit einem Küchenmesser einen Tunnel unter der Tür zu graben, weil das ein größeres Abenteuer ist. Ohne Zweifel wäre es ein Abenteuer für Russland, seine Wirtschaft mithilfe von revolutionären Durchbrüchen in der Nano- oder Gentechnologie anzukurbeln. Die Förderung der Wissenschaft sollte ein wichtiges Ziel sein, was für jedes Land gilt. Doch zum Wachstum gibt es leichtere Wege.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Daniel Treisman ist Professor für Politikwissenschaft an der University of California, Los Angeles. Derzeit ist er als Gastwissenschaftler am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien.

Zu Russland veröffentlichte Treisman vor Kurzem das Buch „The Return: Russia's Journey from Gorbachev to Medvedev“ (Free Press, 2011). [IWM/Steinkellner]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2011)

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