Die einzige Religion, die aus sich wächst, ist die „Nichtreligion“

Replik auf P. Zulehners Beitrag über „Österreichs religiöse Verbuntung“: Religion taugt schon lange nicht mehr als Lebenskonzept.

Gastkommentar

In der Natur geht es nach dem „Le-Chatelier“-Prinzip: Wenn der Druck groß wird, richtet sich das System neu ein, sodass sich der Druck weniger auswirkt. Auch die Kirche unterliegt den Gesetzen der Natur, nicht aber umgekehrt. Im Fall der Kirche heißt die Systemumstellung in unserem Geistesleben, dass kritisches Denken, wie es in unserem Leben außerhalb der Kirche selbstverständlich ist, auch die Religion erreicht hat und hinterfragt: „Woher nehmt ihr z.B. die Berechtigung für Moralmonopole?“

Alle Auswirkungen des naturwissenschaftlichen Denkens, wie Magnetresonanz Flugverbindung und Computerbuchhaltung zur Verwaltung von Kirchenbeiträgen, werden gern angenommen, auch von der Kirche. Und wehe, wenn einmal etwas nicht funktioniert!

Die Schere zwischen einem kritischen, ergebnisorientierten Vernunftdenken und einer Denkbasis eines Hirtenvolkes aus Galiläa vor 2000 Jahren geht immer weiter auf und ist nicht mehr in den Griff zu bekommen.

Zulehner schreibt, „die Religionslandschaft wird bunter“ („Presse“ vom 3.6.). Die Wahrheit ist: Die einzige „Religion“, die aus sich wächst, also nicht durch Zuwanderung und Mission, ist die „Nichtreligion“. Weltweit. Das war schon immer so, ist aber eine Funktion der Repression.

 

Wäre ein „Neustart“ möglich...

Wenn man Taufe, Mission, Machtpolitik und alles zusammennimmt, ist in den letzten Jahrhunderten niemand freiwillig der Kirche beigetreten – und genauso wäre das jetzt auch.

Wäre morgen ein „Neustart“ möglich, alle Religionszugehörigkeit würde auf null gestellt, jeder müsste neu aus einer Palette von Denk- und Glaubensgebäuden auswählen, dann wäre die katholische Kirche morgen auf null Prozent, der Buddhismus auf 20 Prozent und der Rest Atheisten und Agnostiker. Genauso, wie wir alle wissen, dass auf Dauer eine prosperierende Wirtschaft in China mit dem Gedankengebäude der gelenkten Demokratie, nicht vereinbar ist, birgt Religion mit ihrem statischen Denken Gefahren.

Wir brauchen auch im Denken Evolution. Eine Kirche, die hauptsächlich mit Skandalen Schlagzeilen macht, die Frauen und Homosexuelle benachteiligt, eher an der Züchtung von Schafen interessiert ist statt an der Weckung von Talenten und Begleitung von neugierigen, jungen Menschen, ist aus Prinzip zukunftsuntauglich, Bergpredigt hin oder her.

 

Leute spielen nicht mehr mit

Religion taugt schon lange nicht mehr als Lebenskonzept. Auch nicht in der von Österreichern gepflegten Form des „Christentums light“. Österreicher treten nicht aus, sondern kümmern sich nicht um Religion. Deswegen gibt es hier den köstlichen Ausdruck „tief katholisch“. Im Klartext: einer, der das alles wirklich glaubt!

Genau wie in China wird bald die Machtstruktur völlig geändert werden müssen, weil die Leute einfach nicht mehr mitspielen. Wir werden andere Riten, andere Politik und andere Schulen haben müssen, die die Neugier und die Kreativität als Schatz begreifen, und weniger den Gehorsam.

Frauen wird die Geduld ausgehen, Homosexuellen ist sie schon ausgegangen, Kinder wollen nicht mehr mit einer Punze herumlaufen, die ihre Mitschüler zu „Kunstfeinden“ macht. Erwachsene wollen nicht mehr als Lebensideal heilig werden. Und: Alle wollen sich nicht mehr so sehr und so sinnlos fürchten. John Lennons Hymne gilt mehr denn je: „Imagine there is no heaven and no religion, too!“

Dr. Gerhard Engelmayer (*1947 in Wien) ist Naturwissenschaftler und Philosoph, Marketing- und Kommunikationsberater, Pressesprecher des Freidenkerbundes Österreich. Er schreibt derzeit an seinem Buch „Die Marke Gott“.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2011)

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