Je effizienter ein Gesundheitssystem, desto teurer

Bei objektiver Betrachtung sämtlicher volkswirtschaftlicher Parameter ist unser Gesundheitssystem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Es sollte nicht ständig nur als lästiger Kostenfaktor plakativ angeprangert werden.

Seit Jahren wird uns in Österreich via Medien und Politik eingebläut, dass unser Gesundheitssystem ineffizient ist. Die Perpetuierung dieser Aussage hat daraus unwidersprochen ein Faktum geschaffen. Aber ist unser Gesundheitssystem wirklich ineffizient?

Dazu müssen wir zuerst einmal klären, wie sich Effizienz in der Medizin definieren lässt. Wann kann von einer effizienten Medizin gesprochen werden? Wenn die Lebensqualität von chronisch Kranken gesteigert wird, diese eventuell wieder in den Arbeitsprozess integriert werden können? Durch Erfolge bei der Behandlung von unheilbaren Krankheiten? Durch Verkürzung der OP-Zeit? Durch einen bessere Nachsorge auch im extramuralen Bereich? Durch Ausbau des Wellnesscharakters? Oder ist Effizienzsteigerung nur an einer Senkung der Kosten messbar?

 

Druck der Effizienzsteigerung

Nehmen wir als Beispiel eine Operationsmethode, die durch Effizienzsteigerung in der halben Zeit durchgeführt werden kann, für den Patienten nicht so belastend ist und der Patient durch eine frühere Mobilisation das Krankenhaus früher verlassen kann. Führt diese Verbesserung unweigerlich zu einer Kostenreduktion, wie man vermeintlich annehmen könnte?

Nein! In der heutigen modernen Medizin mit dem Druck der Effizienzsteigerung führen solche Verbesserungen unweigerlich zu höheren Kosten. Wieso ist das so? In der Industrie führt doch Effizienzsteigerung zu einer Verbilligung des Produktes und zur Steigerung des Gewinnes. Ein einfaches Beispiel: Produziere ich eine Glühbirne in der halben Zeit, führt dies zu einer Verbilligung des einzelnen Produktes und zu mehr Absatz.

Doch was passiert in der Medizin? Die OP-Zeitverkürzung führt zwar auch hier zu einer Reduzierung der Kosten der einzelnen Behandlung. Die nun allseits geforderte Effizienzsteigerung und der verordnete Spardruck führen aber dazu, dass der OP-Saal besser genutzt und eine Mehrzahl von Operationen durchgeführt wird.

Dies führt zur Kostensteigerung. Es werden mehr Instrumente benötigt, die nach der OP wieder gereinigt und sterilisiert werden müssen. Der Aufwand für das Qualitätsmanagement dieser Prozesse ist enorm gestiegen. Erhöhter Durchgang von Patienten in derselben Zeit führt zu einer Steigerung des administrativen Aufwandes, sowohl in der Verwaltung wie auch im begleitenden medizinischen Umfeld und der Pflege.

Wird der erhöhte Aufwand aber nur an die gleiche Anzahl von Ärzten und Pflegepersonal weitergegeben, steigt vielleicht die Effizienz, aber nicht die Qualität, und das führt unweigerlich zum Burnout der Betroffenen. Fehler und Fehlbehandlungen sind dadurch vorprogrammiert. Bleibt es beim gleichen Arzt/Pflege/Patientenschlüssel, muss das Personal aufgestockt werden, was wiederum eine Kostensteigerung bewirkt.

 

Kostentreiber Forensik

Ein weiterer Kostentreiber ist die Forensik. Allein zur Absicherung der Diagnostik und der Therapie müssen heute unzählige Untersuchungen durchgeführt werden. Bei der heutigen Rechtsprechung ist es auch keinem Arzt zu verdenken, wenn er sich in diesem Punkt absichert. Zumal zumindest im niedergelassenen Bereich eine Nachhaftung von 30 Jahren besteht. Wo gibt es das noch in der Wirtschaft?

Medizin und ein Krankenhaus lassen sich aber nicht so führen wie eine Fabrik, es gelten dort andere „humane“ Indizes. Kliniken werden von ärztlichen Leitern geführt, die von Wirtschaft und Kostenrechnung nur ein rudimentäres Wissen haben, und von Wirtschaftlern, die von Medizin ihrerseits ein rudimentäres Wissen haben. Doch dem wirtschaftlichen Diktat haben die Mediziner nur wenig entgegenzusetzen.

Die Sache wird noch komplizierter durch die Politik, die vielleicht weiß, wie man eine Schottergrube effizient führt, aber nicht ein Krankenhaus. Die Politiker stehen unter dem Zwang, der Bevölkerung an medizinischer Leistung alles auf höchstem Niveau zu versprechen; auf der anderen Seite fehlt das Geld und Kliniken werden finanziell ausgehungert.

Die Gesellschaft, letztendlich die Politik, muss entscheiden, wie viel ihr die Gesundheitsversorgung wert ist. Staaten können ihr Geld zum Beispiel auch in Rüstungsgüter investieren, die vielleicht auch noch effizient hergestellt werden, ich bezweifle jedoch in diesem Sektor jegliche Kosten-Nutzen-Rechnung. Ich glaube aber, dass das Geld in der medizinischen Betreuung der Bevölkerung besser angelegt ist.

 

Der volkswirtschaftliche Nutzen

Völlig aus der Diskussion genommen ist in der Gesundheitsdebatte der volkswirtschaftliche Nutzen, den ein gutes Gesundheitssystem bringt, zu dem unseres unbestritten gehört. Verkürzte Rekonvaleszenz bringt etwa ein schnelleres Eingliedern in den Arbeitsprozess, geringere Invalidität. Diese Ersparnis, die der Volkswirtschaft zugutekommt, muss in die Diskussion miteingerechnet werden, wenn ständig von der Kostensteigerung in der Medizin die Rede ist.

Die Medizin schafft hier wirtschaftlich objektiv messbare Werte, neben der subjektiven Lebensqualitätsverbesserung. Früher unheilbar Kranke, wie beispielsweise Aidskranke, können dank teurer Medikamente ein fast normales Leben führen und sind im Arbeitsprozess voll integriert. Auch sollte nicht vergessen werden, dass der Medizinsektor Arbeitsplätze schafft und beträchtliche Steuereinnahmen erbringt, vor allem im niedergelassenen Bereich, der ohne Subventionen gewinnorientiert arbeiten muss.

 

Sinnvolle Einsparungen

Es ist unbestritten, dass sich Einsparungen in unserem Gesundheitssystem durchführen lassen. Diese müssen aber sinnvoll durchgeführt werden und dürfen zu keiner Verringerung der medizinischen Qualität und Versorgung führen. Wenn aber doch, sollten die Verantwortlichen den Mut haben, dies der Bevölkerung zu sagen. Die Politik sollte auch so fair sein und ihre Entscheidungen hinterfragen – etwa, drei Krankenanstalten in einem Umkreis von 20 km zu erhalten, nur weil drei Bundesländer dort aneinanderstoßen.

Bei objektiver Betrachtung sämtlicher volkswirtschaftlicher Parameter ist unser Gesundheitssystem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und sollte nicht ständig nur als lästiger Kostenfaktor plakativ angeprangert werden. Es sichert Arbeitsplätze und generiert Steuereinnahmen. Eine Kostenreduktion im niedergelassenen Bereich wäre durch eine Verringerung der Einkommensteuer und Absetzbarkeit der Mehrwertsteuer leicht gegeben.

Letztlich sind indifferente Behauptungen über das schlechte Gesundheitssystem eine ständig schallende Ohrfeige ins Gesicht all derer, die mit großem Engagement in diesem Sektor arbeiten.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

DDr. Peter Schuller-Götzburg (*1961) studierte Medizin und Zahnmedizin an der Universität Wien. Ab 1997 Zahnarzt in eigener Praxis in Salzburg. Seit 2004 Programmleiter für Prothetik-, Biomechanik- und Biomaterialforschung an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg. Diverse Publikationen in medizinischen Fachzeitschriften. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2011)

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