Ai Weiwei mit Maulkorb: Wie lange wird er das aushalten?

Der Aktionskünstler ist wieder auf freiem Fuß, aber unter scharfen Auflagen: Gibt es echte Freiheit für ihn nur um den Preis des Exils?

Am Abend des 22. Juni tauchte erstmals die Nachricht von der bevorstehenden Freilassung des Aktionskünstlers Ai Weiwei im Internet auf – zunächst in chinesischen Mikroblogs. Um 10.30 Uhr chinesischer Zeit wurde er tatsächlich freigelassen. Er nahm ein Taxi zu seiner Wohnung bei seinem Atelier im Pekinger Künstlerbezirk Caochangdi. Er hatte stark abgenommen, das konnte man auf ersten Bildern sofort sehen.

Wahrscheinlich kam Ai Weiwei in dieser Nacht kaum zum Schlafen. Seine Mutter und seine Schwester wissen ja schon länger, wie man die Internetkontrollen, die unter dem Namen „Great Firewall of China“ bekannt sind, überwinden kann. Wahrscheinlich wollte Ai Weiwei sofort via Internet erfahren, was sich alles in den über 80 Tagen ereignet hatte, in denen er festgehalten worden war, wollte wissen, wie die internationale Öffentlichkeit und die Medien auf seine Festsetzung reagiert hatten. Anhand dieser Reaktionen konnte er einschätzen, in welcher Lage er sich jetzt befand und wie er dem Staatsapparat gegenübertreten sollte.

Am 3. April, als Ai Weiwei auf dem Pekinger Flughafen abgeführt worden war und verschwand, befand ich mich in Berlin. Danach reiste ich nach Prag, Bratislava, Wien, München, Heidelberg und Bonn. In Prag hatte ich Kontakt mit Václav Havel, Ivan Klima, Jachym Topol und anderen tschechischen Schriftstellern. Mit ihrer Hilfe setzte ich einen offenen Brief an Chinas Premier Wen Jiabao auf.

 

Tausende Solidaritätsadressen

Auch mit Elfriede Jelinek, Herta Müller und anderen deutschsprachigen Schriftstellern war ich in Kontakt. Sie zeigten sich alle betroffen und in Sorge um Ai Weiwei. Auch sie wollten durch Aktionen die chinesische Regierung zu seiner Freilassung bewegen. Allein in den deutschsprachigen Ländern bemühten sich tausende Künstler und Schriftsteller um ihn. Nun sind alle froh über seine Freilassung. Doch diese Freude ist nicht ganz ungetrübt. Denn es bleibt die Frage: Ist Ai Weiwei wirklich frei?

Er hat bereits mitgeteilt, dass die Staatssicherheit ihn nur unter der Bedingung freigelassen hat, dass er keine Interviews gebe und sich auch nicht via Internet an die Öffentlichkeit wende.

 

Scharfe Bedingungen

In den Bestimmungen des Strafgesetzes in China zu bedingter Freilassung von Angeklagten sind unter Paragraf 56 vier Punkte festgelegt, die auch Ai Weiwei nun ein Jahr einhalten muss: 1) Er darf die Stadt nicht ohne Genehmigung verlassen. 2) Er muss sich bereithalten und bei entsprechender Benachrichtigung sofort vor Gericht erscheinen. 3) Er darf in keiner Weise Zeugen beeinflussen. 4) Er darf kein Beweismaterial vernichten und auch nichts verbreiten, was die Beweislage beeinflussen könnte.

Es ergeben sich weitere Fragen. Kann sich Ai Weiwei in Peking frei bewegen? Darf er sich mit seinen Rechtsanwälten beraten, und dürfen seine Rechtsanwälte öffentlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen der Steuerhinterziehung Stellung nehmen?

Ich kenne Ai Weiweis Temperament. Ohne freimütige Interviews, ohne scharfe Kritik an der Regierung, ohne seine Botschaften auf Twitter, ohne Blog, ohne die Möglichkeit, an internationalen künstlerischen Veranstaltungen teilzunehmen – wie lange kann er das aushalten?

Wird Ai Weiwei echte Freiheit nur um den Preis des Exils erlangen können? Wenn irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem man ihn ausreisen lässt: Wird er wieder zurückkehren können? Wird er keine andere Wahl haben, als Exilkünstler zu werden? Diese Fragen werden uns von nun an bewegen.

Bei Ling ist chinesischer Schriftsteller im Exil; derzeit Stadtschreiber in Taipeh/Taiwan. Sein – gekürzter – Text wurde von Martin Winter aus dem Chinesischen übersetzt.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2011)

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