Wahlfreiheit bei der Kinderbetreuung: Wunsch und Realität

Kinderbetreuung wird in Österreich zurzeit nur als Arbeit anerkannt, wenn sie nicht von der Familie geleistet wird.

Die jährlichen Geburtenzahlen und der jüngst vom Familienminister präsentierte Jugendmonitor dokumentieren deutlich, wie stark in Österreich bei der Familiengröße Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Junge Menschen wünschen sich durchschnittlich zwei Kinder, tatsächlich aber haben wir eine der geringsten Geburtenraten in Europa.

Gern wird kolportiert, Österreich sei Spitzenreiter bei der Familienförderung, tatsächlich sind wir im OECD-Ranking vom achten auf den zwölften Platz zurückgefallen. Bei den finanziellen Direktförderungen sind wir gut aufgestellt, das Angebot an Betreuungsplätzen wird ständig erweitert.

Doch im steuerrechtlichen Bereich ist Österreich ein familienpolitisches Entwicklungsland – nicht einmal das Existenzminimum ist für jedes Familienmitglied steuerfrei. Im kinderreichen Frankreich zahlt man mit mehr als zwei Kindern bis auf wenige Spitzenverdiener keine Lohnsteuer. Familien werden gleichwertig gefördert – durch Kinderbetreuungsangebote für doppelerwerbstätige Eltern ebenso wie durch finanzielle und sozialrechtliche Absicherung jener Familien, in denen sich ein Elternteil für einige Jahre hauptberuflich der Familienarbeit widmet.

 

„Rushhour“ im Leben der Frauen

In Österreich zahlt bei gleichem Haushaltseinkommen ein Alleinverdiener mit vier Kindern wesentlich mehr Lohnsteuer als seine kinderlosen Nachbarn. Das Zauberwort Wahlfreiheit ist zwar in aller Munde, tatsächlich haben wir aber vor allem in die außerfamiliäre Betreuung investiert und Müttern und Vätern, die ihre Kinder ohne fremde Hilfe betreuen, signalisiert, dass sie „nicht arbeiten“. In Österreich gehört der Wert der Familienarbeit dringend evaluiert.

Höher qualifizierten Frauen fällt es gerade in Deutschland und Österreich zunehmend schwer, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. Jede zweite Akademikerin bleibt hier kinderlos.

Als „Rushhour“ im Leben der Frauen wurde bei der Familienplattform der Europäischen Kommission die Lebensphase zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig bezeichnet. In dieser Zeit sollen sie ihr Studium beenden, ihre Karriere aufbauen, den Mann fürs Leben finden, Kinder bekommen sowie möglichst rasch die Erwerbskarriere fortsetzen.

 

Mehr Zeit für unsere Kinder

Dadurch geraten junge Mütter häufig unter massiven Zeitdruck – Morgenarbeit, Kinder in die Kinderkrippe bringen, Erwerbsarbeit, Kinder holen, Einkaufen, Hausarbeit, obwohl erfreulicherweise die Väterbeteiligung zunimmt. Da bleibt kaum noch Zeit für einen selbst oder gar für die Pflege der Partnerbeziehung – die Scheidungszahlen sprechen für sich.

Fast alle Betroffenen gehen aber vor dem 60. Geburtstag in Pension – für durchschnittlich weitere 30 Lebensjahre. Warum sollte man sich während eines langen Lebens die Arbeit nicht besser einteilen können? Das setzt aber voraus, dass Familienarbeit (Kinderbetreuung und Erziehung ebenso wie die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen) als wertvolle Leistung geschätzt, finanziell und sozialrechtlich abgesichert wird.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollte auch beinhalten, dass Familienarbeit und Erwerbsarbeit lebensphasenentsprechend nacheinander geleistet werden können. Zeit muss als wichtige Ressource definiert werden, um das Wohlbefinden der Menschen zu fördern. Und wir brauchen vor allem wieder mehr Zeit, um uns über Kinder und mit ihnen zu freuen sowie ein familienfreundlicheres Klima in Österreich.

Sissi Potzinger ist Vorsitzende des Katholischen Familienverbandes Steiermark, Gemeinderätin und Familiensprecherin der Grazer Volkspartei.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2011)

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