Muammar al-Gaddafi und Afrika: Zwischen Vision und Tyrannei

Aus afrikanischer Perspektive hat der von der Macht vertriebene libysche Diktator Muammar al-Gaddafi durchaus seine Meriten.

Der Tod von Muammar al-Gaddafi beendete eine Ära, in der Libyens Staatschef afrikanische Länder einerseits unterstützte, ihnen aber andererseits schadete. Gaddafi war eine Person mit Visionen für Afrika, aber er war auch ein Machthaber, der überhaupt keine Konkurrenz duldete.

Libyen war 2010 das einzige afrikanische Land mit einem BIP von 14.000 US Dollar; Bildung und medizinische Versorgung waren kostenlos. Für 0,12 Euro bekamen Libyer einen Liter Benzin, das war manchmal billiger als Wasser.

In der Migrationsstatistik internationaler Organisationen scheinen Libyer kaum auf. Die Asylstatistik in Österreich gibt Auskunft: Zwischen 2002 und 2010 haben 55 Libyer in Österreich um Asyl angesucht. Bis September dieses Jahres waren es schon 47. Junge Libyer wurden im In- und Ausland ausgebildet. Nach dem Studium erhielten sie meistens im Inland gut bezahlte Jobs. Doch der Preis für den Wohlstand war hoch: keine Pressefreiheit, keine Meinungsfreiheit. Gaddafis Libyen war ein Polizeistaat, in dem keine Opposition geduldet wurde.

In ganz Afrika findet sich kein Land mit einem so hohen Lebensstandard. Gaddafi hat auch geplant, „Französisch Afrika“ wirtschaftlich zu befreien. Ein Affront gegen Paris.

 

Kampf für Nelson Mandela

Dieser Kampf begann für Gaddafi schon während der Apartheid in Südafrika in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Während westliche Länder die Ermordung Schwarzer in Südafrika duldeten, war Libyen das einzige Land, das offen gegen die rassistische Regierung Südafrikas kämpfte und sich für die Partei Nelson Mandelas, den African National Congress (ANC), einsetzte.

Gaddafi unterstützte den ANC finanziell und militärisch. Das ist auch der Grund, warum sich Mandela kurz nach seiner Entlassung nach 27 Jahren im Gefängnis entschloss, das UNO-Embargo zu brechen und am 23. Oktober 1997 nach Libyen zu reisen. Fünf Jahre lang durfte wegen des Embargos kein Flugzeug in Libyen landen. Dass sich Mandela über das Embargo hinwegsetzte, kam einemsüdafrikanischen Affront gegen die USA, die UNO und Europa gleich.

Libyen unterstützte auch Unabhängigkeitsbewegungen in den damaligen portugiesischen Kolonien Angola und Guinea-Bissau.

Von 1978 bis 1987 lieferten sich der Tschad und Libyen einen Grenzkrieg. Gaddafis Motiv, im Tschad militärisch einzugreifen, war den Aouzou-Streifen zu annektieren. Gemäß einem nicht ratifizierten Vertrag aus der Kolonialzeit erklärte er diesen nördlichen Grenzstreifen des Tschad zu einem Teil Libyens. Mehr als 10.000 Menschen verloren ihr Leben.

Im Dezember1989 fing Charles Taylor den liberianischen Bürgerkrieg an. Unterstützt von Gaddafi marschierten die von Libyen trainierten und von Charles Taylor geführten Rebellen in Liberia ein. Der Bürgerkrieg dauerte von 1991 bis 2002 und kostete Millionen von Menschenleben.

Die geostrategischen Auswirkungen sind bis heute in ganz Westafrika zu sehen. Denken wir an Sierra Leone, Guinea, die Elfenbeinküste und Burkina Faso – ein Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Der jetzige Diktator dieses Landes war jahrelang ein Verbündeter Gaddafis.

Es heißt, Gaddafi hätte ihm bei der Ermordung von Thomas Sankara geholfen. Sankara war für Gaddafi und die westlichen Nationen zu unabhängig.

Mit Gaddafis Namen verbunden ist auch der afrikanische Kommunikationssatellit. Gestartet im Mai 2010, hat der neue Satellit die Welt der Telekommunikation verändert. Damit wurde der Zugang des ganzen Kontinents zu Telefon, audiovisuellen Sendungen und Internet geschaffen.

 

Hilfe beim Satellitenprojekt

Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf ungefähr 400 Millionen Dollar. Libyens Anteil beträgt 63 Prozent, die französische Firma Thalès Alenia Space besitzt zwölf Prozent und die übrigen 45 afrikanischen Staaten 26 Prozent. Der Satellit deckt ganz Afrika, den Nahen Osten und Europa ab und spart Afrika hunderte Millionen Dollar.

Diese Geschichte des afrikanischen Satelliten beginnt im Jahre 1992, als 45 afrikanische Länder das Unternehmen Rascom gründeten, um sich aus der europäischen Umklammerung zu befreien und die Kommunikationskosten auf dem Kontinent zu senken. Die innerafrikanische Kommunikation war die teuerste auf dieser Erde.

Da viele afrikanische Länder pleite sind, verhandelten sie bis 2005 mit der EU, damit die EU einen Teil finanziert. Keine Chance. Die 45 Staaten erhielten von Gaddafi ein zinsenloses Darlehen von 300 Millionen Dollar. Die afrikanische Entwicklungsbank sowie die westafrikanische Bank finanzierten mit jeweils 50 Millionen und 27 Millionen. Dollar mit. Mit der Unterstützung auch der Chinesen und Russen bekam Afrika seinen ersten kontinentalen Kommunikationssatelliten.

 

Sarkozy sah sich herausgefordert

Gaddafi wollte auch unbedingt einen afrikanischen Währungsfonds gründen. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es in Afrika mehrere Initiativen zur Gründung einer eigenen Währungsunion sowie einige bereits bestehende Währungsunionen.

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts streben viele afrikanische Staaten nach einer gemeinsamen Währung. Aufgrund der Koppelung des Franc CFA (West- und Zentralafrikanische Währungen) an Frankreich und dessen Willen, seine ehemaligen Kolonien weiter auszubeuten, sind alle bisherigen Bemühungen gescheitert.

Ein zentraler Punkt für Libyens Staatschef war die Unabhängigkeit der Finanzinstitutionen. Bis vor Kurzem und zum Ärger von ausländischen Banken und des Internationalen Währungsfonds war die libysche Zentralbank völlig unabhängig; ganz im Gegensatz zu fast allen afrikanischen Banken, die von ausländischen Banken abhängig sind.

Eine große Bedrohung der westlichen Finanzwelt sah Nicolas Sarkozy im aktiven Bemühen Gaddafis, die afrikanischen Finanzinstitute aus der französischen Abhängigkeit zu befreien. Da Libyen eine solide Währung hatte, wollte Gaddafi eine afrikanische Währung auf Basis des libyschen Geldes aufbauen.

 

Wohltäter und Mörder

Die Ablösung des an Frankreich gekoppelten Franc CFA wäre eine Befreiung für Millionen von Menschen in ganz Afrika gewesen. So hätte der Kontinent die Möglichkeit gehabt, selbst über seine Rohstoffpreise zu entscheiden und sich aus den Fängen der neoliberalen Wirtschaftsdiktatur, in der sich 80 Prozent des Kontinents seit mehr als fünf Jahrhunderten befinden, befreien zu können.

Gaddafi war ein umstrittener Machthaber, der freilich Visionen für Afrika hatte, für Widerstand und Unabhängigkeit kämpfte, aber keine Konkurrenten duldete und den Tod von Tausenden von Menschen zu verantworten hat. Sein Tod bedeutet jedenfalls das Ende einer Ära.


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Zum Autor

Simon Inou studierte Soziologie in Kamerun und Publizistik in Wien. Er lebt seit 1995 in Österreich, ist derzeit Chefredakteur von Afrikanet.info, dem ersten deutschsprachigen Infoportal über Afrika und die afrikanische Diaspora. Inou ist auch Geschäftsführer von M-Media. Er lebt in Wien. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2011)

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