Kurzarbeit: Ein Schmerz-, aber kein Allheilmittel

Wer mit dem Modell Kurzarbeit strukturelle oder gesamtkonjunkturelle Probleme lösen will, wird bald enttäuscht. Moderne Arbeitsmarktpolitik ist nicht simpel, sondern verfügt über zahlreiche sensible Instrumente.

Manch einen mag es überraschen, aber „Österreich gehört gemeinsam mit Deutschland und Belgien zu jenen EU-Ländern, die die Krise in Hinblick auf den Arbeitsmarkt am besten gemeistert haben“.

Das erklärte der EU-Kommissar für Soziales und Beschäftigung, László Andor, im November 2010. Auch gegenwärtig bescheinigen die aktuellen Eurostat-Zahlen Österreich die niedrigste Arbeitslosenquote in der EU. Sie beträgt hier derzeit 4,1Prozent, Deutschland hält mit 5,5Prozent den viertbesten Platz der EU.

Die stärkste realwirtschaftliche Krise, die Europa und die Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erleben mussten, hatte im Jahr 2009 fast überall auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen. Damals stieg die Arbeitslosigkeit in nahezu allen Staaten Europas sprunghaft an und blieb bis heute beängstigend hoch: Lag sie 2008 in den 27 EU-Staaten durchschnittlich bei sieben Prozent, so sind es derzeit 9,9.

 

Recht simple Methode

Dem allgemeinen Rückgang der Wirtschaftsleistung wurde auf dem Arbeitsmarkt in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich und auch unterschiedlich erfolgreich begegnet. So sank laut Eurostat etwa in Spanien bei einem BIP-Rückgang von 3,7Prozent die Anzahl der Beschäftigten von 2008 bis 2009 um 6,8Prozent, in Österreich hingegen bei einer vergleichbaren BIP-Entwicklung nur um 0,4 Prozent, in Deutschland sogar nur um 0,2Prozent – und das bei dem deutlich höheren BIP-Rückgang von 5,1Prozent.

Ein nachweisbar wichtiger Grund dieser unterschiedlichen Entwicklung ist auch im Einsatz des Kurzarbeitsmodells zu sehen. Historisch kam Kurzarbeit in Österreich früher bei vorübergehenden Produktionsausfällen nach Katastrophen oder Absatzschwächen ganzer Branchen (wie der Lebensmittelindustrie infolge von Seuchen wie BSE) zum Einsatz. In solchen Situationen verhinderte Kurzarbeit meist erfolgreich Totalzusammenbrüche und massive Freisetzungen.

Die Methode ist recht simpel. Wer kurzarbeitet, arbeitet weniger Stunden und erhält dabei nicht nur das Entgelt für die tatsächlich geleistete Arbeitszeit, sondern meist den Großteil des ursprünglich vereinbarten Vollzeitlohns, wobei die für den Arbeitgeber entstehenden Mehrkosten teilweise durch die öffentliche Hand ausgeglichen werden. Damit verhindert Kurzarbeit Arbeitslosigkeit und bietet Unternehmen die Chance, nicht benötigte Arbeitsstunden sofort zu reduzieren. So wird vermieden, dass später wieder mühsam nach neuem qualifiziertem Personal gesucht werden muss.

 

Wie eine Naturkatastrophe

Die Heftigkeit der realwirtschaftlichen Krise des Jahres 2009 hatte für Europas Industrie, salopp gesagt, durchaus den Charakter einer Naturkatastrophe: Selbst jahrzehntealte Unternehmen hatten bis dahin nichts Vergleichbares erlebt, kannten keine derartigen Auftragseinbrüche aus dem In- und Ausland. Sie brauchten dringend Hilfe durch die öffentliche Hand. Und die Politik in Deutschland und Österreich half und setzte erfolgreich auf das Kurzarbeitsmodell.

Kurzarbeit zeigte auch einen anderen positiven Effekt: Sie veranlasste viele Unternehmen dazu, über sonstige sinnvolle Arbeitszeitmaßnahmen wie nicht benötigte Überstunden, Abbau von Zeit- und Urlaubsguthaben oder Bildungsfreistellung nachzudenken. Die dadurch gewonnene zusätzliche Flexibilität einzelner Betriebe hatte nachweislich auch gesamtwirtschaftlichen Effekt.

So mussten Deutschland und Österreich damals – anders als die meisten übrigen EU-Staaten – nur einen geringfügigen Anstieg ihrer Arbeitslosenzahlen hinnehmen. Und nicht ohne gewissen Stolz sei vermerkt, dass sich deshalb in der Folge viele europäische Arbeitsmarkt-Delegationen in diesen beiden Ländern über das Erfolgsmodell Kurzarbeit informiert oder deutschsprachige Experten, wie etwa den Autor dieser Zeilen, zu Referaten eingeladen haben.

 

Eingetrübte Konjunktur

Gegenwärtig verwendet sogar Präsident Obama bei seinen Reden zum amerikanischen Arbeitsmarkt immer wieder den deutschsprachigen Begriff „Kurzarbeit“! Denn leider ist es offenbar heute wieder so weit: Nicht nur in den USA sucht die Politik verstärkt nach erfolgreichen Aktivitäten für den Arbeitsmarkt, auch in vielen europäischen Ländern trübt sich die Konjunktur wieder ein, und die Arbeitslosenzahlen steigen wieder.

So hilfreich die Kurzarbeit in der jüngsten Vergangenheit also auch eingesetzt wurde, so muss doch betont werden: Entscheidend für ihren Erfolg war, dass der tiefen Wirtschaftskrise von 2009 rasch wieder ein starker Aufschwung folgte. Mehrere Jahre der Stagnation oder eines zu geringen Wachstums hätten sich weder die öffentliche Hand noch die wirtschaftlich ohnedies schon geschwächten Unternehmen in Österreich und Deutschland leisten können. Aber auch arbeitsmarktpolitisch ist das Bezahlen von Arbeitskräften für lange Untätigkeit mit anschließender Arbeitslosigkeit unsinnig.

Zwar wurde Kurzarbeit in der Geschichte mitunter als Instrument von Strukturanpassungsprozessen verwendet – etwa, um Zeit für notwendige Änderungen zu gewinnen. So gab es in Italien in den 1980er-Jahren bezahlte Arbeitsplätze mit einer Arbeitszeit von null Stunden, eigentlich „fiktive“ Arbeitsplätze, die in manchen Betrieben monate- oder sogar jahrelang aufrechterhalten wurden.

Die negativen Erfahrungen, die dabei gemacht wurden, sind heute bei aller Euphorie über den jüngsten Erfolg der Kurzarbeit aber nicht zu vergessen.

 

Kein Ersatz für Strukturanpassung

Wenn jetzt beispielsweise Spanien oder Portugal wieder intensiv über Kurzarbeit nachdenken, dann übersehen diese Länder hoffentlich nicht, dass ihre Industrien vielfach kein vorübergehendes, kurzfristiges Auftragsloch erfahren, sondern im Wesentlichen nicht mehr wettbewerbsfähig sind und damit ihre Arbeitsmärkte vor einer notwendigen Strukturanpassung stehen. Dafür braucht es neben Struktur- und Konjunkturpolitik arbeitsmarktpolitisch andere Instrumente wie zum Beispiel Umqualifizierung.

Aber auch anderen Politikern und deren Presseberatern, die Kurzarbeit als neuen Problemlöser ausrufen (zuletzt der französische Arbeitsminister Xavier Bertrand), sollte bewusst sein: Moderne Arbeitsmarktpolitik ist nicht simpel und kennt keine Allgemeinrezepte, sondern verfügt über viele sensible und spezialisierte Instrumente.

Wer mit dem Modell Kurzarbeit strukturelle oder gesamtkonjunkturelle Probleme lösen will, wird bald enttäuscht. Denn Kurzarbeit wirkt wie ein Schmerzmittel: Es hilft sofort, verschafft Beruhigung und Schmerzfreiheit. Aber ein Allheilmittel für tiefer liegende, grundsätzliche Erkrankungen der Wirtschaft ist die Kurzarbeit nicht.


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Zum Autor

Johannes Kopf (*1973 in Wien) leitet seit 2006 gemeinsam mit Herbert Buchinger das Arbeitsmarktservice Österreich (AMS). Davor arbeitete er als Arbeitsmarktexperte für den damaligen Wirtschaftsminister Martin Bartenstein sowie in den Jahren 1999 bis 2003 für die Industriellenvereinigung. Der Jurist lebt mit seiner Familie in Wien. [Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2012)

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