Buchmarkt spricht, Chinas unabhängige Stimmen schweigen

Die Londoner Buchmesse als negatives Beispiel dafür, wie sich Veranstalter den politischen Vorgaben eines Regimes unterwerfen.

Während Chinas Kulturoffensive mit Zhang Yimous Film „Reine Liebe“ in Berlin zu Wochenbeginn aus Anlass des 40.Jahrestags des Bestehens diplomatischer Beziehungen zwischen China und der Bundesrepublik Deutschland die Völker und Gefühle einander näherbringen sollte, entbehrt der chinesische Auftritt bei der heute zu Ende gehenden Londoner Buchmesse jeglicher Illusion.

Wir erleben mit der Londoner Buchmesse und mit dem British Council, wie sich der Gastgeber unter die Ägide des Gastes China begibt, dessen politischen Vorgaben Folge leistet und dissidente Autorinnen und Autoren und unabhängige Stimmen nicht zu Wort kommen lässt. Während die chinesische Delegation mit den von ihr nominierten 21 Autorinnen und Autoren erschien, haben es die Veranstalter selbst nicht für nötig befunden, weitere Gäste mitzubringen. So wurden die Nobelpreisträger Gao Xingjian, Liu Xiaobo und die aktuell publizierenden Liao Yiwu, Bei Ling und andere nicht eingeladen. Im Rahmen der chinesischen offiziellen Delegation befinden sich dabei auch Autoren, die längst andere Pässe haben. Es ist wie im Fußball beim Länderspiel. Auch hier werden im Ausland Aktive nominiert. Das ist nicht nur ehrenhaft, sondern auch ökonomisch interessant.

 

Der lange Arm der Zensur

Die Nominierten müssen jedoch zur Kenntnis nehmen, dass sie von einer Organisation namens GAPP ausgesucht wurden oder deren Billigung erfahren haben – dem in China zuständigen Ministerium für Zensur.

Der chinesische Dissident Bei Ling, der im Jahr 2000 ausgewiesen wurde, und der seither in Taiwan im Exil lebt, macht geltend, dass das in London präsentierte Spektrum der Literatur unabhängige Stimmen ausschließt – jene, die wegen ihres Schaffens im Gefängnis sitzen, zensiert wurden, ins Exil gehen mussten, die aber doch weiter schreiben. Insgesamt spielt die unabhängige chinesische Literatur eine bedeutende Rolle in den Literaturen der Welt. Es liegt daher der Schluss nahe, dass sie in London nicht etwa fehlte, weil sie ein unbedeutender Teil der chinesischen Literatur wäre, sondern weil sie dem Partnerland nicht passte.

 

Elfriede Jelinek schockiert

Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek äußerte sich schockiert: „Es besteht die Verpflichtung, auf die Unterdrückung von Literaten und anderen Künstlern hinzuweisen. Das ist unserer Freiheit geschuldet, sonst wird auch unsere Freiheit zu Unfreiheit werden.“

Wiederholt fragte Bei Ling, der Gründer des unabhängigen chinesischen PEN, die Organisatoren, ob es nicht zum literarischen Geist gehöre, unabhängiges Denken zu wollen. Er schlug Gespräche zu Zensur und Selbstzensur vor.

Die Veranstalter sprechen von 180 chinesischen Verlagen, von China als Markt und ihrer Aufgabe, eine Geschäftsmesse zu sein. Während Amnesty International UK die Biografien und Werke von in Haft einsitzenden Autoren veröffentlichte, begannen die Kaufleute Verhandlungen zu führen.

Die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse schafften es 2009 immerhin noch, sich zu besinnen, sie luden die Unerwünschten nach Protesten wieder ein. Die Londoner Buchmesse aber wird als Skandalon in die Buch-Geschichte eingehen. Zhu Yufu zum Beispiel ist seit Februar verurteilt wegen der Zeilen: „Es ist Zeit. Chinesisches Volk. Es ist Zeit. Der Platz gehört allen ... ein Lied gehört allen ... China gehört allen. Es liegt in Deiner Hand/ Es ist Zeit zu entscheiden über das, was aus China wird.“ Sieben Jahre Haft.

Esther Dischereit (*1952), Lyrikerin, Erzählerin, Autorin von Hör- und Theaterstücken, lebt in Berlin. 2009 wurde sie mit dem österreichischen Erich-Fried-Preis ausgezeichnet.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2012)

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