Wiener Blut statt Nabucco: Ein Großprojekt in der Sackgasse

Die wichtigen Partner verlassen nun das Konsortium Nabucco. Aber Nabucco light hat wenig mit dem Konzept von einst zu tun.

Ein Besuch in der Wiener Staatsoper lieferte den Namen für das ehrgeizige Konsortium. Die Unterzeichner der Vorverträge unter der Führung der OMV sahen 2002 die Oper Nabucco, die Giuseppe Verdi einst gegen die österreichische Fremdherrschaft in Italien komponiert hatte.

Die Teilnehmer erwärmten sich für den Titel in Anlehnung an den italienischen Freiheitsdrang, um die mögliche Unabhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen zu demonstrieren. Die Idee der Konsortium-Mitglieder aus Mitteleuropa und der Türkei war, Erdgas aus dem Kaspischen Raum über die Türkei nach Europa zu bringen.

Die wachsende russische Dominanz in der europäischen Erdgasversorgung sollte mit dieser Diversifizierung gebrochen werden. Auftrieb und politische Unterstützung aus Brüssel erhielt Nabucco nach den Erdgaskrisen im Jänner 2006 und 2009, als russisch-ukrainische Zwiste zur vorübergehenden Unterbrechung der Gaslieferungen nach Mittel- und Westeuropa führten.

Ich erlaubte mir 2006 in einem Buch darauf hinzuweisen, dass das Projekt auch „Wiener Blut“ heißen könnte. Denn die Unwägbarkeiten waren von Anbeginn zahlreich.

Die Wiener, damit ist nicht nur der Mineralölkonzern, sondern die Regierung, Wirtschaftskammer etc. gleichermaßen gemeint, übertünchten aber all die Fragezeichen mit enormem Marketing und den stets gleichen Präsentationsfolien. Kritische Stimmen wurden zurückgewiesen.

 

Konkurrierende Projekte

Die Daten für Baubeginn und Fertigstellung verschoben sich aber konsequent nach hinten. Auf Nebenschauplätzen wurde viel gewerkt, doch die zentralen Fragen blieben offen. Woher soll das Erdgas kommen? Wie viel wird das Projekt letztendlich kosten? Wie hoch wird die Nachfrage zu welchem Erdgaspreis sein?

Von einer Phantomdebatte rund um die Umsetzung von Nabucco sprachen daher einige Analytiker bereits in den vergangenen beiden Jahren. Während über Nabucco auf Seminaren viel diskutiert wurde, gleichzeitig die Kosten für das Vorhaben explodierten, gingen andere Projekte in eine operative Phase. Hierzu gehört unter anderem die Erdgaspipeline South Stream. Diese soll russisches Erdgas über das Schwarze Meer nach Bulgarien und weiter nach Italien liefern. Die Baugenehmigungen liegen vor.

Österreich wurde für sein doppeltes Spiel gegenüber Moskau – nämlich wenn opportun mit den Russen und zugleich mit Nabucco gegen sie – im Falle South Stream vorerst „bestraft“. Der Strang der Pipeline endet in Norditalien und geht nicht wie geplant bis nach Baumgarten. Verantwortung hierfür trägt auch die Europäische Kommission, die unter Bezug auf freien Wettbewerb die Gazprom und ihre Partner, so die OMV, in die Pflicht nahm.

Gerne betonen die Lobbyisten des Nabucco-Projekts, dass die Russen nichts unversucht ließen, dieses zu hintertreiben. Russland war zweifellos aktiv gegen den Iran tätig, als dieser noch für das Projekt als Gaslieferant infrage kam. Bei Gesprächen in Teheran wurde ich vom früheren iranischen Erdölminister Bijan Zanganeh darauf hingewiesen, dass prompt Warnungen aus Moskau eintrafen, wenn er Unterhändler des Nabucco-Konsortiums zu Gast hatte.

 

„Stahl im Sand vergraben“

Die Iraner verstanden es bald, ihre Interessen ostwärts auszurichten, um das russische Treiben in Europa nicht zu stören. Zynisch kommentierte Präsident Wladimir Putin vor Jahren die hektische Nabucco-Diplomatie: „Wenn Erwachsene Stahl im Sand vergraben wollen, soll man sie nicht daran hindern.“ Infolge des vom UN-Sicherheitsrat sanktionierten Nukleardossiers fiel der Iran als Option völlig aus.

Aserbaidschan und Turkmenistan sowie die Errichtung einer transkaspischen Pipeline waren die neuen Ziele. In völliger Unterschätzung des Territorialstreits um die Aufteilung im Kaspischen Meer beziehungsweise der Kaspischen See – denn als solches wurde das Gewässer völkerrechtlich klassifiziert – wollten die Unterhändler für Nabucco eine transkaspische Pipeline. Erdgas aus Turkmenistan sollte westwärts verfrachtet werden. Doch der Iran und Russland legten abwechselnd ihr Veto ein.

 

Planloses Vorgehen

In Turkmenistan wunderte man sich über das teils planlose Vorgehen der Europäer und wandte sich den besser organisierten Chinesen zu. Nach elf Monaten Bauzeit ging im Dezember 2009 die 1800 Kilometer lange turkmenisch-chinesische Erdgaspipeline in Betrieb. China will die Trasse, die durch Kasachstan und Usbekistan führt, bis nach Südchina auf eine Länge von rund 8000 Kilometern ausbauen und das Netz um zusätzliche Erdölpipelines aus Kasachstan erweitern. Die Pipelines drehen seit Langem ostwärts, nur viele Europäer wollen immer noch nicht begreifen, dass sich das geopolitische Gefüge ändert.

 

Unsichere Nachfrage, RWE geht

Infolge der Rezession, der Importe von verflüssigtem Erdgas sowie eines möglichen Überangebots an Gas aufgrund der Schiefergasexploration in Nordamerika sinkt der Erdgaspreis stetig. Zudem hat er sich vom Erdölpreis abgekoppelt. Das Resultat ist eine große Unsicherheit, zu welchem Preis welche Volumina an Erdgas in den EU-Raum zukünftig importiert werden.

Es sind eben diese Zweifel an der Wirtschaftlichkeit von Nabucco, die den deutschen Energiekonzern RWE nunmehr bewegt haben, aus dem Konsortium auszusteigen, wie zuletzt bekannt wurde. Von einer Nabucco-light-Version, also einer verkürzten Trasse innerhalb Europas ohne Verbindung zum Kaspischen Raum, hält man bei RWE nichts. In Essen heißt es klar: „Nabucco light hat nichts mehr mit dem ursprünglichen Konzept zu tun.“

Ungarn kündigte bereits seinen Rückzug an. Damit gäbe es im Nabucco-Konsortium nur mehr vier Partner. Ob diese die auf 15Milliarden Euro angestiegenen Kosten tragen, ist fraglich.

Hinsichtlich der dringend gesuchten Gaslieferungen bliebe noch der Nordirak. Auch hier versuchten die Nabucco-Partner ihr Glück. Man lehnte sich gefährlich aus dem Fenster, denn mit der kurdischen Regionalregierung wurde teils im rechtsfreien Raum verhandelt. Die Bagdader Zentralregierung kritisiert das Vorgehen all jener Energiekonzerne heftig, die mit den Provinzgouverneuren die Deals aushandeln, denen mangels irakischen Erdöl- und Erdgasgesetzes die Rechtsgrundlage fehlt.

 

Russische Umklammerung

Wollte man vor zehn Jahren die EU aus einer russischen Umklammerung lösen, ist diese dank Nord Stream in der Nordsee und nun bald dank South Stream enger als je zuvor. Den Russen wirft man gerne vor, mit Energie Politik zu machen. Dies wird international praktiziert, ob von BP und London, Total und Paris etc. Manche machen es geschickter, andere plumper. Aus Nabucco wurde vorerst Wiener Blut ohne gemeinsamen Schlusswalzer.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin


Karin Kneissl studierte Jus und Arabistik in Wien, war von 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst auf Posten in Paris und Madrid tätig. Danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, darunter: „Der Energiepoker“ (2008); soeben erschienen: „Revolution. Testosteron macht Politik.“ [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2012)

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