Der große Durst nach Rache in der postkolonialen Welt

Das Pochen auf historische Gerechtigkeit könnte zur treibenden Kraft in der Weltpolitik werden.

Zbigniew Brzezinski, der in die Jahre gekommene Großmeister der weltpolitischen Analyse und der geostrategischen Entwürfe, fasst im Augustheft des US-Magazins „The American Interest“ die derzeitige Lage auf dem Globus in fünf Punkten zusammen. Erstens: Die USA sind weiterhin politisch, wirtschaftlich und militärisch die stärkste Macht der Welt, sie sind aber keine globale Imperialmacht mehr. Zweitens: Russland befindet sich in den letzten Zuckungen seiner imperialen Phase, könnte aber, würde es eine kluge Politik betreiben, zum führenden europäischen Staat werden. Drittens: China wächst weiter, wenn auch langsamer als bisher, und kann zum ebenbürtigen Rivalen der USA werden. Viertens: Europa ist keine globale Macht und wird aller Voraussicht nach auch keine werden, kann aber eine konstruktive Rolle auf der Weltbühne spielen. Fünftens: Das derzeitige gewaltsame politische Erwachen unter den postkolonialen Muslimen ist zum Teil eine verspätete Reaktion auf ihre mitunter brutale Unterdrückung vor allem durch europäische Kolonialmächte.

Doch das wachsende politische Selbstbewusstsein, das Pochen auf historische Gerechtigkeit und Wiedergutmachung, befeuert noch durch den Durst nach Rache, komme nicht nur im islamischen Nahen Osten verstärkt an die Oberfläche. Brzezinski prophezeit, dass antiwestliche Gefühle noch in der gesamten postkolonialen Welt ausbrechen werden. Sein Rezept, um blinde Wut und Chaos einzudämmen und auf lange Sicht wieder eine stabilere internationale Ordnung zu schaffen: Die USA müssten insbesondere mit Russland und China neue Formen kooperativer Beziehungen eingehen, um gemeinsam an die Lösung globaler Probleme heranzugehen. So sei es langfristig zu Chinas eigenem Schaden, sich passiv aus allen nahöstlichen Krisen und Konflikten heraushalten zu wollen.

Ein tief sitzender Groll gegen die übrige Welt ist nach Ansicht des prominenten US-Politikwissenschaftlers Michael Mandelbaum in einem weiteren Essay in „American Interest“ auch ein Grund für die in der Nachbarschaft zunehmend als aggressiv empfundene chinesische Außenpolitik. Das KP-Regime spielt immer wieder geschickt auf das „Jahrhundert der Erniedrigung“ an, als ausländische Mächte im Land das Sagen hatten – so etwas dürfe China nie wieder widerfahren. Mandelbaum sieht Russland, China und den Iran als die potenziell härtesten Widersacher der USA. Sein nicht allzu origineller Ratschlag für die Außenpolitik der USA: zurück zu einer Politik der Abschreckung.


Der Historiker Siegried Beer bemüht sich mit seinem Team von der Uni Graz weiter unermüdlich, die Diskussion über Nachrichten- und Sicherheitsdienste zu versachlichen, sie wissenschaftlich zu unterfüttern und so von außen zu einer Verbesserung der geheimdienstlichen Arbeit in Österreich beizutragen. Keine einfache Aufgabe, denn die drei Dienste – BVT, HNaA und Abwehramt – bleiben weitgehend eingeigelt und öffentlichkeitsscheu, insbesondere die Letzteren beiden des Verteidigungsministeriums. Dennoch macht Beer über seine Halbjahreszeitschrift „Journal für Geheimdienst, Propaganda- und Sicherheitsstudien“ Vorschläge für verbesserte Geheimdienstarbeit, auch im neuesten Heft (1/2016). In einem Beitrag über eine Reform der Nachrichtendienste wird etwa die Einrichtung eines Koordinierungszentrums für Nachrichtendienste beim Bundeskanzleramt vorgeschlagen, um die Arbeit der drei Dienste besser zu koordinieren.

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2016)

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