Platzhirsche, Aufsteiger, Verlierer: Die große Macht der Demografie

Ein US-Wirtschaftswissenschaftler untersucht, wie sich die Bevölkerungsentwicklung auf die Geopolitik auswirkt.

„Es ist die Demografie, Dummkopf“, könnte man in Abwandlung eines Wahlslogans von Bill Clinton die Hauptthese des US-Wirtschaftswissenschaftlers Nicholas Eberstadt zusammenfassen: Es ist die Demografie, die die Geopolitik antreibt, argumentiert er in einem Aufsatz in der neuesten Ausgabe des Fachmagazins „Foreign Affairs“. Gewiss wird den militärischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten bei der Bewertung von Macht das größte Augenmerk geschenkt. „Aber nur wenige Faktoren beeinflussen den längerfristigen Wettbewerb zwischen großen Mächten so stark wie Veränderungen in der Größe, der Leistungsfähigkeit und den Eigenheiten von nationalen Bevölkerungen“, schreibt Eberstadt.

Gegenwärtig dominieren die USA als Supermacht das Weltgeschehen, wirtschaftlich und militärisch immer stärker herausgefordert von der Volksrepublik China; zweiter Hauptrivale vor allem in militärischer Hinsicht ist weiterhin Russland. Nach den verheerenden außenpolitischen Abenteuern im Nahen und Mittleren Osten sowie den schweren innenpolitischen Turbulenzen, die eine zutiefst gespaltene Gesellschaft zur Folge haben, sehen viele Beobachter die USA im Niedergang. Aber dem ist nicht so, wenn man sich die demografischen Trends ansieht, meint Eberstadt.

Die längerfristigen demografischen Aussichten Chinas werden getrübt durch eine sinkende Fruchtbarkeitsrate, durch eine rasante Überalterung der Bevölkerung und durch ein Ungleichgewicht der Geschlechter (Abermillionen von Männern, die keine Aussicht auf Heirat und Vaterschaft haben). Und Russland? „Wenn man sich die Bevölkerung und das Humankapital ansieht, schaut Russland wie eine Macht im Würgegriff eines unaufhaltsamen Niedergangs aus.“ Die Lebenserwartung der Männer bleibt niedrig. Die schulische Ausbildung hat zwar hohes Niveau, trotzdem ist die Qualität des Humankapitals niedrig; mit einer Bevölkerung von 145 Millionen Einwohnern meldet Russland jährlich weniger Patente an als der US-Bundesstaat Alabama (fünf Millionen). Eberstadt: „Russland sieht sich demografischen Schranken gegenüber, die es Putin und seinen Nachfolgern schwer machen werden, die geopolitische Position des Landes aufrechtzuerhalten oder gar zu verbessern.“

Die demografischen Prognosen für Europa und Japan sind ebenfalls negativ: Sinkende Fruchtbarkeitsraten, die Zahl der Todesfälle übersteigt bereits die Zahl der Geburten. Die aktiv arbeitende Bevölkerung wird ständig kleiner, ebenso wie die Zahl der jungen Männer zwischen 15 und 24, die die Mannschaften der Streitkräfte bilden. Eberstadt glaubt deshalb, dass die Verbündeten der USA immer weniger imstande und bereit sein werden, für die eigene Verteidigung aufzukommen. Es fehlen die Rekruten und die finanziellen Mittel, die man lieber für die Finanzierung des Wohlfahrtsstaates verwendet: „Die USA werden als Sicherheitspartner für die alternden Verbündeten also immer wichtiger, während sie selbst für Washington immer weniger wichtig werden.“

Trotz Donald Trump, trotz seiner restriktiven Einwanderungspolitik erwartet Eberstadt einen Anstieg der US-Bevölkerung von heute 330 Millionen auf rund 380 Millionen im Jahr 2040. Was für die USA spricht: Eine hohe Fruchtbarkeitsrate, mehr Geburten als Todesfälle, ein großer Pool einer gut ausgebildeten, arbeitenden Bevölkerung. Freilich: Der Machtstatus der USA sei keinesfalls garantiert. Deshalb müsse das Land sein Humankapital weiter verbessern und neue Allianzen für das 21. Jahrhundert forcieren.

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2019)

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