Selbstverantwortung oder Vertrauen?

Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? Joh 9,2

BIMAIL VON DOMINIK MARKL

Wie geht es Ihnen, wenn Sie ein junger Mensch auf der Straße um Geld fragt? Ich denke mir: „Du bist mir zu jung und zu gesund. Es wäre schlecht für dich, wenn ich dir etwas geben würde. Stell dich auf deine eigenen Füße!“ Oder wenn jemand sein amputiertes Bein offen zeigt: „Das tust du nur, damit du etwas bekommst. Zeig deine Behinderung nicht so schamlos!“ Meine Gedanken beschäftigen sich offensichtlich gerne mit Erklärungen und guten Ratschlägen. So muss ich mich nicht auch noch fragen, warum dieser Mensch wirklich etwas von mir will und wie er tatsächlich in seine Lage geraten ist.

Ein Freund studiert Betriebswirtschaft mit großem Erfolg. Er erklärte mir, warum die freie Marktwirtschaft für alle gut sei. „Stell dir ein Dorf in Indien vor, wo sich ein weltweit arbeitender Getränkekonzern niedergelassen hat. Die Fabrik verbraucht das Trinkwasser der gesamten Umgebung. Die Leute arbeiten nicht mehr in ihrer kleinen Landwirtschaft, sondern in der Fabrik. Aber es ist für alle gut. Schließlich hätte jeder die Freiheit, etwas anderes zu tun, wenn er eine bessere Möglichkeit hätte.“ Diese Ideologie der absoluten Selbstverantwortung birgt Gefahren. „Du hast keinen Job? Dann verkauf dich besser! In diesem freien Markt hat jede und jeder die Chance, seine beste Möglichkeit zu ergreifen.“ Solange ich erfolgreich bin, hat der Gedanke seine Reize: Ich kämpfe mich durch. Ich genieße meine Leistung. Ich erkläre die Probleme von anderen und gebe gute Ratschläge.

Schon die Freunde des Ijob haben sich darin gefallen, mögliche Gründe für seine Leiden zu analysieren: „Du hast selbst ein Problem, setze dich damit auseinander! Verdränge deine Schwierigkeiten nicht nach außen, lass' Gott damit in Ruhe!“ Mit ihren endlosen Reden ärgern sie Ijob, anstatt ihm zu helfen.

Auch die Freunde Jesu denken in diesem Schema. Sie sehen einen Blinden, der ist ihnen lästig. Nein, sie sehen ihn nicht einmal, Jesus sieht ihn (Joh 9,1). Jemand muss Schuld daran haben. Er oder seine Eltern (Joh 9,2)? Doch sie sprechen mit Jesus über ihre Gedanken. Und sie sind bereit für seine Antwort. Sie nennen Jesus „Rabbi“; sie halten ihn für einen Lehrer, dem man in Fragen des Lebens glauben kann. Wie vielen Menschen würde ich so viel Vertrauen zusprechen? Jesus antwortet: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern an ihm soll sichtbar werden, wie Gott wirkt.“ Ein neuer Gedanke: Es darf Probleme geben, deren Grund nicht offensichtlich ist und durch die etwas Gutes geschehen könnte. Vielleicht dürfte ich sogar wahrnehmen, dass ich Behinderungen und Grenzen habe. Vielleicht könnte mein Blick offener werden für den Menschen, der Geld von mir will? Vielleicht eröffnen sie eine Chance, dass sich etwas Unerwartetes tut? Wie Gott wirkt...

Für welche Herausforderung muss ich selbst meine Verantwortung in die Hand nehmen? Und mit welcher Belastung kann ich mich nur jemandem anvertrauen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2008)

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