Blicke, die heilen

Jesus sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: der Gesandte. Joh 9,7

BIMAIL Von Dominik Markl

Ein winziges Insekt ist einer Bergkameradin bei dieser sommerlichen Bergtour ins Auge geraten und hat sich unter ihrem rechten oberen Lid verfangen. Das Tierchen lässt sich nicht entfernen, da hilft kein Blinzeln und kein Reiben. Das Auge rebelliert. Der Schmerz wird akut. Noch dazu ist ihr immer schon allein der Gedanke ein Horror gewesen, jemand würde ihr ins Auge fassen. Trotzdem: Es bleibt nichts übrig. Mit aller Selbstüberwindung hält sie das tränende Auge offen, sodass ihr Mann die kleine Bestie mit Fingerspitzengefühl wegstreichen kann. Dabei sind wiederum mir die Augen aufgegangen, und mit einem Mal begreife ich, wie sehr sie ihrem Mann vertraut.

Um wie viel mehr muss der blind Geborene Jesus vertrauen, als dieser ihm Speichel mit Erde in die Augen streicht (Joh 9,6)? Sein Auge ist für ihn nicht nur die körperlich sensibelste Stelle. Auch emotional muss ihn die Blindheit traumatisiert haben, wenn selbst die Freunde von Jesus gefragt hatten: „Wer hat gesündigt – er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,2). Er kann vertrauen, weil Jesus ihn angeschaut und in Schutz genommen hat: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt. Er hört auf Jesus und geht, um sich zu waschen.

Der Evangelist Johannes beschreibt dies nicht näher. Wir sind auf unsere Fantasie angewiesen, wollen wir den Mann begleiten: Wie er sich seinen Weg durch den Trubel der Gassen von Jerusalem bahnt, er kennt sie auswendig, steil hinunter Richtung Kidrontal. Einige Pharisäer weichen ihm rücksichtsvoll aus. Spielende Lausbuben ärgern ihn. Die Augen brennen. Was mag der Blinde sich denken? „Warum soll ich dort hinunter gehen, zur Gihonquelle, wo schon Salomo zum König gesalbt worden ist (1 Kön 1,38-39)? Warum gerade am Teich Schiloach? ,Gesandter‘, so könnte man den Namen verstehen; das passt irgendwie zu diesem Jesus: Er ist für mich wie ein Engel, gesandt von Gott. Und der Prophet Jesaja fällt mir ein, er hat von dem Teich gesagt: Wir von Juda sollten die sanft fließenden Wasser von Schiloach wertschätzen, sonst kommen wilde Wasser über uns (Jes 8,6-7). Auch das passt zu Jesus. So heilsam ruhig hat er mit mir geredet.“ Der Blinde kommt an, wäscht sich. Und in diesem Augenblick sieht er nicht nur mit neuen Augen – er beginnt, die Welt überhaupt erst zu sehen.

Momente großen Vertrauens sind Chancen zur tieferen Erkenntnis. Ähnlich wie beim blind Geborenen kann eine neue Einsicht durchbrechen: „Jetzt erst verstehe ich, wie viel ich dir bedeute und wer du für mich bist. Die Welt bekommt ein anderes Licht, eine strahlende Farbe, weil ich mehr von dem begriffen habe, wer und wie du bist. Jetzt schaut alles anders aus.“ Das ist Heilung des Blicks, eine veränderte Sicht, die Geburt einer neuen Welt.

Von wem kann ich mir so offen in die Augen blicken lassen, dass ich mich verstanden weiß und es als heilsam empfinde? Gibt es Momente, in denen ich den „Augenblick“ Gottes spüre?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2008)

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