Wo bist du?

Wozu suchen wir einander? Was wollen wir voneinander? Vielleicht kann ich in dir mehr finden, als ich gesucht habe.

BIMAIL VON Dominik Markl

Ich weiß es nicht“, sagte der Jesuitenpater Ludger Born, als die Gestapo nach untergetauchten Juden suchte. Doch er wusste viel. Jahrelang hatte er schon die „Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ von Kardinal Innitzer geleitet; alle zwei Wochen hatte er die Messe mit getauften Juden in der Sakristei der Universitätskirche gefeiert. Eines der „U-Boote“ – Josef – lebte in seiner Gemeinschaft am Dr.-Ignaz-Seipel-Platz. Die Gestapo wollte wissen, wo die Juden seien, um sie in einen Transport schicken zu können – nach Birkenau, wo die „Endlösung“ wartete.

„Ich weiß es nicht“, ist vielleicht die einzig „wahre“ Antwort darauf: „Ich weiß nicht, was ihr sucht; ich weiß nicht, was ihr vom Leben wollt. Aber ich weiß, dass man nach einem Menschen so nicht fragen darf.“

Zum Gedenken an die Novemberpogrome von 1938 enthüllte Kardinal Schönborn im Innenhof des Erzbischöflichen Palais eine Gedenktafel für Innitzers Hilfsstelle, in der neben Pater Born eine Gruppe von Frauen unzähligen Juden geholfen hatte. Eine von ihnen, Gertrud Steinitz-Metzler, hat ihre Erinnerungen festgehalten; sie sind unter dem Titel „Dass ihr uns nicht vergessen habt...“ im Domverlag erschienen.

„Ich weiß es nicht“, sagt der geheilte Blinde zu denen, die wissen wollen, wo Jesus ist. Die Art der Frage ist ihm wohl nicht sympathisch. „Was wollt ihr von ihm? Warum freut ihr euch nicht einfach mit mir, dass ich wieder sehen kann? Wollt ihr ihn angreifen?“, mag er sich denken. Der einfache Dialog „Wo ist er? – Ich weiß es nicht“ spiegelt zwei Grundanliegen des Evangelisten Johannes: Es kommt darauf an, Jesus zu suchen und zu verstehen, wer er ist. Diejenigen, die von vornherein gegen Jesus sind, können ihn nicht finden und nicht erkennen, wer er ist. Jesus selbst fragt den Suchtrupp, der ihn auf dem Ölberg festnehmen will: „Wen sucht ihr?“ (Joh 18,4) Als sie ihm antworten: „Den Jesus aus Nazaret“, und er entgegnet: „Ich bin es“, stürzen sie auf den Boden. Jesus hat eine im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende Persönlichkeit. Es kommt darauf an, wie man nach ihm fragt. Johannes zeigt das am Anfang seines Evangeliums, als Jesus erstmals bemerkt, dass ihm Menschen nachgehen. Er fragt: „Was sucht ihr“, und sie antworten: „Rabbi, wo hältst du dich auf?“ (Joh 1,38) Sie interessieren sich für Jesus. „Rabbi“ heißt übersetzt „Lehrer“; sie wollen von Jesus lernen. Sie suchen mit der richtigen Haltung, deshalb sind sie eingeladen: „Kommt und seht.“

Überall suchen Menschen Menschen: „IT-Profis gesucht.“ „Suche junge Frau.“ „Terrorismusbekämpfung: Können Sie Angaben zu dieser Person machen?“ Wie wir aufeinander zugehen, warum wir einander suchen, und was wir voneinander wollen, prägt unser Leben. Wer sucht dich – warum? Wen suchst du – wozu? Vielleicht hat jemand, den ich heute suche, eine Überraschung zu bieten; vielleicht kann ich etwas Unerwartetes lernen; vielleicht ein Geheimnis entdecken, das er selbst nicht kennt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2008)

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