Riskante Ehrenrettung

Wer zu Unrecht angeklagt ist, braucht Freunde, die ohne Angst für ihn einstehen. Es gibt eine letzte Gerechtigkeit.

BIMAIL VON Dominik Markl

Die Angeklagten haben im Kriege in Flugblättern zur Sabotage der Rüstung und zum Sturz der nationalsozialistischen Lebensform unseres Volkes aufgerufen, defätistische Gedanken propagiert und den Führer aufs Gemeinste beschimpft und dadurch den Feind des Reiches begünstigt und unsere Wehrkraft zersetzt. Sie werden deshalb mit dem Tode bestraft.“ Dieses Urteil des 1. Senats des deutschen Volksgerichtshofs gegen „den Hans Fritz Scholl“, seine Schwester, „die Sophie Magdalena Scholl aus München“, und „den Christoph Herrmann Probst aus Aldrans bei Innsbruck“ wurde am 22. Februar 1943 um 13:30h im Schauprozess verkündet. Gegen 17:00h desselben Tages rollten jene Köpfe, die etwas vom Rest der Ehre Deutschlands und Österreichs gerettet haben.

Heute sind die letzten Flugblätter, die Sophie in den Lichthof der Münchner Uni verstreut hatte, am Geschwister-Scholl-Platz vor diesem Gebäude in Pflastersteinen verewigt. Die Mitglieder der „Weißen Rose“, die vermeintlich „durch ihren Verrat an unserem Volk... ihre Bürgerrechte für immer verwirkt“ hatten, sind zu Nationalhelden geworden. Die geistige Kraft zum Widerstand hatten sie aus dem Studium gewonnen. Große Theologen wie Augustinus, Aquin, Kierkegaard haben sie inspiriert.

„Wie Gott die Ehre geben?“ ist die Frage aller Theologen. Die Pharisäer sind gewiss, dass Jesus ein Sünder ist, weil er am Sabbat heilt. Das ist ein Eingriff in die Schöpfung und darf nur am Werktag geschehen. Dagegen fordern sie vom Geheilten: „Gib Gott die Ehre!“ Dieser kann nichts anderes tun, als seine Heilung zu bekennen. Damit steht er für Jesus ein und rettet seine Ehre: „Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann“ (Joh 9,25). Gott die Ehre zu geben kann biblisch heißen, zu seinem Lob zu singen (Psalm 66,2), ihm für Heilung zu danken (Lukas 17,18), aber auch, einen Fehler zuzugeben (wie in Josua 7,19). Angesichts des Universalen zur eigenen Unfähigkeit und Begrenzung zu stehen gibt nicht nur Gott die Ehre, sondern auch Würde.

„Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit!“, rief Sophies Vater in den Gerichtssaal. Die Ehre seiner Tochter war ihm dieses Risiko wert. Vier Monate später würdigte Thomas Mann in einer seiner BBC-Reden die Toten der Weißen Rose: „Ihr sollt nicht umsonst gestorben sein, sollt nicht vergessen sein.“ Schon in der ersten Stunde sind Einzelne für die Ehre der Scholls eingestanden; heute stehen Deutschland und Österreich mit Stolz und Trauer hinter ihnen und tausenden anderen, die für den Widerstand in den Tod gegangen sind. Ungerechte Anklagen und Entehrungen haben nicht aufgehört. Sie sind nicht nur in Peking oder Guantánamo zu vermuten, sondern kommen auch in meinem Freundeskreis vor.

Wann bin ich gefordert, die Ehre eines Kollegen, einer Freundin zu retten? Für wessen Ehre bist du bereit, dich möglichen Gefahren auszusetzen? Setzt du auf die andere, die letzte Gerechtigkeit?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)

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