Überspringende Funken

Wer mutig andere einlädt, schafft neue Gemeinschaft. Woher kommt die Kraft dazu?

BIMAIL VON Dominik Markl SJ

Soll ich auch Ihnen eine Sprühkerze schenken?“ Einer der drei Burschen, die Lebendigkeit in die graue, einsame Stimmung über Wien bringen, holt mich aus meinem versunkenen Blick über die Stadt. Überrascht gehe ich hin und nehme das Geschenk an. Gemeinsam basteln wir daran, das kleine Feuerwerk zu entzünden. Wie auf einer Abschussrampe platzieren wir es auf einem Zaunpfosten. Ich versuche, den Docht anzuzünden. Zwei junge Hände schützen geduldig die empfindliche Konstruktion vor der winterlichen Brise. Da springt endlich der Funke über, schwarz-grau brutzelt es den Docht hinauf, bis das Pulver von der Spitze her zu sprühen beginnt. Unsere vier Gesichter lassen sich von dem Schauspiel bannen, das in die fahlen Farben von Wiese, Wald und Himmel seine tausend glühenden Strahlen reißt. Schweigend genießen wir das lebendige Leuchten und wie es allmählich verklingt. „Wie heißt du?“, frage ich, und „Fabian heißt er“, antwortet einer der beiden anderen. Ein kurzes Gespräch. Dann bedanke und verabschiede ich mich; weiter will ich, um einen kranken Freund zu besuchen. Fabian hat uns mit seiner Wunderkerze ein vorweihnachtliches Fest bereitet. Es war der 23. Dezember. Er hat mir etwas Kleines und zugleich etwas Großes gegeben. Vielleicht sehen wir uns nie wieder.

Woher kommt diese Kraft, neue Beziehungen einzugehen und Gemeinschaft aufzubauen? Eine außergewöhnliche Begabung dafür hatte Jesus. Er war menschlich so anziehend, dass die Gemeinschaft um ihn wie von selber wuchs. Als er im Johannesevangelium erstmals auftaucht, gehen zwei Schüler von Johannes dem Täufer Jesus hinterher und bleiben den ganzen Tag bei ihm (Joh 1). Diese Freundschaften werden ein Leben lang halten. In Kana gibt Jesus der Hochzeitsgesellschaft besonderen Wein, so dass es ein rauschendes Fest wird (Joh 2). In Samaria spricht Jesus mit einer Frau für seine Zeit ungewohnt offen. Das Gespräch bewegt die Frau so sehr, dass sie ihr ganzes Dorf mitreißt. Alle ihre Mitbewohner wollen Jesus kennenlernen (Joh 4). Auch jene, die skeptisch gegen Jesus sind, setzen sich intensiv mit ihm auseinander. Er lässt niemanden kalt. Der Blinde, den Jesus geheilt hat, empfand sich sein Leben lang am Rande der Gesellschaft. Plötzlich wächst er über sich hinaus und fragt beinahe ironisch einflussreiche Skeptiker: „Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?“ (Joh 9,27). Diese einladende Art zieht immer weitere Kreise. Bis heute hat dieselbe Einladung Millionen von Menschen erreicht, die sich als Freunde von Jesus bezeichnen. Woher diese Kraft? In einem entscheidenden Augenblick, kurz vor seinem Tod, verrät uns Jesus sein Geheimnis. Da bittet er Gott, dass „alle eins seien, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin“ (Joh 17,21). Jesus wirkt unfassbar anziehend, weil er selbst eine so innige Beziehung mit Gott erlebt.

Wie die ersten Christen hat Fabian mich angesprochen – einfach so. Er hat den Funken seiner Begeisterung überspringen lassen, eine kleine Gemeinschaft gestiftet. Darin ist er für mich ein Vorbild. Wann ergreife ich die Gelegenheit, jemanden neu in meine Gruppe einzuladen? In welcher Beziehung nährt sich deine Sprühkraft?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2009)

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