Eine Zeit lang auf Sicherheit verzichten

Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde. Nun aber sagt ihr: Wir sehen. Daher bleibt eure Sünde.Joh 9,41

BIMAIL VON Dominik Markl SJ

Die jungen Frauen Bianca und Angela haben sich ineinander verliebt. Einziges Problem: Sie sind katholisch. Für beide ist der christliche Glaube von tragender Bedeutung, sie wollen der Kirche verbunden bleiben. Zugleich sind sie sich ihrer Liebe und ihrer Entscheidung für eine gelebte Beziehung sicher. Bianca macht es sich nicht leicht. Sie hat begonnen, Theologie zu studieren. Sie geht den Fragen nach, die sie bedrängen: „Was sind die Grundfesten des Gottesglaubens, auf den ich mein Leben bauen will? Woher nimmt das kirchliche Lehramt die Sicherheit, mit der es gelebte Homosexualität ablehnt? Nach welchen Kriterien kann ich moralische Fragen beurteilen? Was bedeutet die Liebe als Zentrum des Evangeliums?“

In Zeiten wachsender Verunsicherung wollen nicht wenige, auch junge Menschen neue Klarheit und Sicherheit. Neokonservative Antworten entsprechen diesem Bedürfnis. Homosexualität etwa sei eine Krankheit und heilbar. Solche Ansichten werden von vielen angesehenen Moraltheologen nicht geteilt und schaden den Menschen. Um wie viel vorsichtiger müssen wir an diese ernsten Fragen herangehen! Schwule und Lesben wurden nicht nur im Mittelalter, sondern auch unter dem nationalsozialistischen Regime bis zum Tod verfolgt. Wie dankbar müssen wir auch aus kirchlicher Sicht für die Errungenschaft sein, dass gleichgeschlechtliche Paare in Freiheit und Achtung der Person in unsrer Gesellschaft leben können!

Vor einfachen und schnellen moralischen Urteilen warnen die Propheten und das Evangelium. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ Ähnlich wie hier der Prophet Jesaja (55,8f) warnt auch Jesus vor falschen Sicherheiten: „Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde. Nun aber sagt ihr: Wir sehen. Daher bleibt eure Sünde“ (Joh 9,41). Wer noch nicht alles verstanden hat, begeht noch keinen Fehler. Wohl aber, wer glaubt, schon alles verstanden zu haben.

Um zu einem tief begründeten moralischen Urteil zu gelangen, genügen einfache und schnelle Antworten mitnichten. Vielmehr verlangt dies einen Prozess, der je angesichts neuer Zeiten durchzukämpfen ist. Bianca wird ihre Fragen nicht nur durchdenken, sondern auch durchbeten und durchleiden. Sie tut es als gewissenhafte Person in der Kirche, ebenso wie andere Theologinnen, Bischöfe, Jugendliche und alle verantwortungsvollen Glieder der Kirche dies in respektabler Auseinandersetzung gemeinsam tun müssen. Einzig auf diese Weise werden wir zu glaubwürdigen Erkenntnissen und Lebensentscheidungen im Sinne christlicher Liebe und Gottverbundenheit gelangen.

Die Fastenzeit fordert geistige Demut. Den Mut, eine Zeit lang auf Sicherheit zu verzichten; herausfordernde Fragen offen auszuhalten; nach innen und aufeinander zu hören, um das Herz nach jenen Kriterien zu befragen, die für das Leben tragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2009)

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