Lebensdrang

Woher kommt mein Wunsch, intensiv zu leben? Wo suche ich nach Erfüllung? Was ermutigt mich, dem Leben zu trauen?

BIMAIL VON Dominik Markl SJ

Was hat mich bei der letzten Skitour begeistert und glücklich gemacht? Die körperliche Anstrengung, mit dem Fahrrad über Lawinenkegel ins einsame Tal zu fahren, durch steile Kare aufzusteigen, über Felsgrate zu klettern, über eisigen Firn abzufahren? Die Ruhe auf dem Gipfel? Die leuchtenden Primeln zwischen den Kalksteinen oder die glasklaren, türkis reflektierenden Bäche, die weiß schäumenden Wasserfälle zwischen Lärchen und Zirben in grüner Pracht? Mein uriger Kamerad, mit dem ich ernsthaft reden und herzhaft lachen kann? Die Erfrischung und Speck mit Ei auf der Alm? Wahrscheinlich all das zusammen. Die Fülle.

Wieder zurück am Schreibtisch schlage ich die Bibel auf und bemerke: Lebensdrang durchströmt nicht nur mich, sondern auch die Bibel vom Anfang bis zum Ende. Gewimmel lebendiger Wesen spricht Gott in der Genesis in seine geiststürmende Welt hinein. Josef wird von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft und dort zum mächtigsten Herrscher der Welt. All dies nur, um eine große Menschenmenge vor dem Hungertod zu retten (Genesis 50,20). Mose fasst im Deuteronomium am letzten Tag seines Lebens all seine Weisheit und Gottes innerste Anliegen zusammen. Am Höhepunkt seiner Rede packt er jeden einzelnen Israeliten in der Wüste vor dem Einzug ins sprudelnde Land beim Gewissen: „Wähle das Leben, damit du lebst!“ (Deuteronomium 30,19). David jubelt im 36. Psalm: „Bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht sehen wir Licht!“ Ijob ekelt sich vor lauter Schmerz vor seinem Leben. Er will richtig leben oder gar nicht. Kohelet, dem Philosophen, erscheint alles wie leerer Windhauch, doch am Ende rät er, das Leben zu genießen „mit der Frau, die du liebst“.

Jesus verkörpert geradezu den ungestillten, drängenden göttlichen Lebenswillen. Er sieht den Sinn seines Lebens darin, „dass sie Leben haben und es in Fülle haben“. Nach seinem Tod kommt er in die Mitte seiner ängstlichen Freunde und haucht sie an, so wie Gott dem Menschen bei seiner Erschaffung Lebensatem eingehaucht hat: Empfängt heiligen Atem! Johannes schreibt sein Evangelium über Jesus mit dem Ziel, dass wir „glaubend Leben haben in seinem Namen“ (Joh 20,31). Zum Finale des Neuen Testaments, am Ende der Offenbarung ruft der Geist mit der „Braut“, dem himmlischen Jerusalem: „Komm! Und wer da dürstet, nehme das Wasser des Lebens umsonst!“

Der biblische Gott ist stürmisch begeistertes Leben. Er liebt das Leben, er liebt unser Leben. So viel ist mir klar geworden, wie ich die Bibel zuschlage. Und mir kommt der Gedanke, mein Lebensdrang könnte nicht nur mein Lebensdrang sein, meine Lebensfreude nicht nur meine Lebensfreude. Es ist ein Geist, den ich nicht gerufen habe, eine Kraft, die mich drängt, die Herrlichkeit der Welt und des Lebens zu suchen und die Freude daran zu teilen. Es ist der Mut, wieder in die Berge aufzubrechen, zu neuen Menschen, neuen Aufgaben. Heiliger Lebensatem.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2009)

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