Konstruktive Konfrontation

Habe ich genug innere Freiheit, um in der Auseinandersetzung auf Distanz zu gehen? Konfrontation kann die Beziehung klären.

BIMAIL VON Dominik Markl

Er sei als strenger Lehrer bekannt und kenne keine Kompromisse, hieß es. Er prüfe in jeder Stunde und sei ein Verfechter des Auswendiglernens. Er verlange Disziplin und dies auf ganzer Linie. Der Auftritt des neuen Lateinprofessors war perfekt inszeniert und verfehlte seine Wirkung nicht. Wir waren als schwierige Klasse berüchtigt und mit unseren 14 Jahren im lausigsten Alter. Zuerst wie erschlagen, dann empört, probten wir den Aufstand. Zwei Jahre später zeichnete sich ab, wir würden diesen Lehrer nicht behalten können. Da war Trauer spürbar. Wir hatten uns als kreative und leistungsfähige Lateinklasse gemausert, und der vermeintliche Despot hatte sich als charmanter Liebling der Schülerinnen entpuppt, der gerne mit uns und sogar über sich selbst scherzte. Zum Abschied lud er uns zu einer Grillparty in seiner Garage ein. Einen Teil meiner Liebe zu den alten Sprachen und zur Philosophie der Antike habe ich dank dieses Lehrers gewonnen. Wie war ihm gelungen, unseren Unwillen zu brechen und unsere Begeisterung zu wecken? Er hatte mit seinem ersten Auftreten eine äußere Distanz geschaffen und zugleich unsere Aggression geweckt, die sich bald durch unseren Lernerfolg in positive Energie verwandelte.

Die Kunst des Konfrontierens und Distanzschaffens beherrscht auch Jesus. „Ihr glaubt nicht“, sagt er jenen ins Gesicht, die eigentlich Beziehung mit ihm suchen, Bekenntnisse von ihm fordern, innerlich aber unentschlossen sind. Ihm geht es darum, die Beziehung zu klären. Er weckt das Bewusstsein, dass in bestimmten Phasen eine Entscheidung gefordert ist. Glaubst du oder glaubst du nicht? Willst du mit mir etwas lernen oder nicht? Jesus atmet in diesem Charakterzug den Geist der Propheten, die im alten Israel auch Könige vor harten Konfrontationen nicht verschonten. Wie Jeremia, der dem König Zidkija die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier vorhersagt und dafür eingekerkert wird (Jeremia 37). Diesen Geist der intellektuellen Konfrontation tragen heute Schriftsteller wie Amir Hassan Cheheltan weiter, der in seinem neuen Roman „Teheran Revolutionsstraße“ die innere Zerrissenheit der iranischen Gesellschaft Gestalt werden lässt.

Mit Mitteln des Terrors hat der „elfte September“ die innere Zerrissenheit der Weltgesellschaft bloßgelegt. Dieser Tag ist zum Symbol für eine zerstörerische Art und Weise der Konfrontation geworden. Er hat eine Krise im kulturellen Weltklima hervorgerufen. Schon in alltäglichen Auseinandersetzungen kommt es darauf an, mit welcher Qualität wir einander konfrontieren. Dies prägt das emotionale Klima in der Familie und im Beruf.

Habe ich genug innere Freiheit und Kraft, um im Konflikt auf Distanz zu gehen? Kann ich andere so konfrontieren, dass es zur Klärung der Beziehung beiträgt und sich auf längere Sicht positiv auswirkt?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2009)

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