Von der Sturheit, Würde zu bewahren

Äußere Anforderungen können bedrohlich an die Lebensadern gehen. Was hilft mir, innerlich aufrecht zu bleiben?

BIMAIL VON Dominik Markl, SJ

Ach, wie schießt ihr schlecht!“, soll Andreas Hofer am 20. Februar 1810 seinem Erschießungskommando zugerufen haben, da er nach zwölf Schüssen der sechs französischen Soldaten noch am Leben war. Diese Worte überliefert jedenfalls Julius Mosens Lied „Zu Mantua in Banden“, das 1848 zur Tiroler Landeshymne avancierte. Seine Beliebtheit hat das Lied wohl nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass es dem Bedürfnis seiner Tiroler Sänger Ausdruck verlieh, auch angesichts der unausweichlichen Niederlage den patriotischen Stolz nie und nimmer aufzugeben.

Galgenhumor oder irrationales Triumphgeheul? Jedenfalls eine anständige Portion Sturheit, die sich einer Übermacht um keinen Preis geschlagen geben will, auch angesichts der Niederlage auf der eigenen Würde beharrt. Vielleicht ist es dieser Charakterzug, der den Mythos Hofer sympathisch macht, sodass selbst bei einer postmodernen 200-Jahr-Feier lederbehoste Tiroler Volksschüler sich hinreißen lassen, das „ach, wie schießt ihr schlecht!“ mit besonderer Begeisterung zu singen. Auch wenn „wir Tiroler“ uns mit unseren bayerischen und französischen Gästen längst verbrüdert haben.

Nun liegt es mir fern, Andreas Hofer mit Jesus zu vergleichen. Doch die gewisse Sturheit, die auf der eigenen Würde beharrt, ist auch dem johanneischen Jesus nicht fremd – sofern man darauf verzichtet, ihn in den verklärten Farben eines Bildes im Stil der Nararener zu sehen. Mit seiner Behauptung, „eins“ mit Gott zu sein, provoziert Jesus seine jüdischen Glaubensgenossen so sehr, dass diese sich mit Steinen bewaffnen, um ihn zu töten. Sie handeln dabei nicht bloß aus blinder Wut, sondern berufen sich vermutlich auf die biblisch-religiöse Vorschrift, einen Gotteslästerer aus dem eigenen Volk zu steinigen (Levitikus 24,16). Der Konflikt ist eskaliert, die Bedrohung tödlich. Wie reagieren? Ein Leichtes wäre es, Demut hervorzukehren, zu sagen, es sei nicht so gemeint gewesen. Doch Jesus bleibt aufrecht, hält den wütenden Umstehenden das Argument entgegen, er habe doch gute Werke unter ihnen getan, warum sollten sie ihn daher steinigen? Er wollte nicht ihre religiösen Gefühle verletzen, sondern erklären, woher er seine außergewöhnlichen Kräfte beziehe. Die Leute besinnen sich, lassen sich wieder auf Argumente ein. Die Deeskalation ist geglückt.

Vor tödlichen Bedrohungen sind wir gewöhnlich verschont. Doch spiegeln sich in diesen Szenen der Todesbedrohung psychologische Dynamiken, die wir auch im Alltag zu bewältigen haben. Erwartungen von allen Seiten, die Flut von Anforderungen, die Krisenstimmung, Respektlosigkeiten oder einfach Versagensangst können an die Lebensadern gehen. Wovon fühle ich mich bedroht? Wie gehe ich damit um? In welchen Mustern reagiere ich? Habe ich innere Schutzräume, meine Würde zu bewahren?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2009)

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