Ausgelöscht sei der Tag

Krankheit, die zum Tod führt, verändert das Leben. Sie gibt jedem Moment absolutes Gewicht und lässt danach fragen, was bleibt.

BIMAIL VON Dominik Markl

Seine Hand war schon kühl geworden. Ich war zu spät gekommen. Die Stille der Dunkelheit beschützte den Raum. Dieses Gesicht, das so viele Gemütslagen zu zeigen vermochte, lag nun reglos. Wie viele Orte hatten den Hintergrund gebildet für Gespräche, Spaziergänge, gemeinsames Essen, Musik? Dies also war der letzte Ort, um mich von dem Körper zu verabschieden, der noch zu jung war, um zu sterben, der ebenso wenig sterben wollte wie sein Geist.

Fünfzehn Monate hatte er zu kämpfen gehabt seit der Diagnose. Die Kraft der Finger hatte ihn verlassen, sodass er nicht mehr Orgel spielen konnte. Dann die Kraft der Arme, um sich selbstständig anzukleiden. Zu Ostern noch gingen wir die dreihundert Meter bis zur Oper, in einer Stunde, bis zur Erschöpfung. Im Juli nahm ihm ALS die Kraft zu sprechen. Im September raubte die Krankheit den Atem. Jetzt haben all die Orte der Begegnung im Gedächtnis ein anderes Gewicht bekommen, sie sind absolut geworden, nicht mehr durch neue gemeinsame Erfahrungen weiterzugestalten. Nun sind sie zu bewahrendes Gut der Erinnerung. Und ich versuche zu verstehen, was die Botschaft von all dem sein könnte.

„Es war jedoch jemand krank.“ Mit diesen Worten führt Johannes der Evangelist einen der wichtigsten Menschen im Leben seines Hauptprotagonisten, Jesus von Nazaret, ein. Ohne seine Krankheit hätten wir vielleicht nie von Lazarus erfahren, von jenem Menschen, den Jesus offenbar besonders liebte. Die Krankheit von Lazarus und sein Sterben machen diese Freundschaft nicht nur für Jesus wichtig, sondern für alle, die vom Evangelium hören. Die Krankheit und das Sterben sind es, die nun für ein großes Kapitel alle Aufmerksamkeit auf diese sonst unscheinbare Familie lenken. Wie Jesus damit umgeht, zeigt Wesentliches von seiner Persönlichkeit und Kraft.

Tödliche Krankheit überfordert oft. Betroffene und Angehörige geraten in Isolation. Große Texte der Bibel greifen dies auf. Ijob handelt über vierzig Kapitel davon, und er scheut nicht zurück, grausame Depressionen in Worte zu fassen (Ijob 3): „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Bube wurde empfangen ... Warum gibt Gott dem Elenden Licht und Leben denen, die verbittert sind? Sie warten auf den Tod, der nicht kommt, sie suchen ihn mehr als verborgene Schätze. Bis zum Jubel würden sie sich freuen, sie würden frohlocken, fänden sie nur das Grab!“

Vielleicht helfen mir diese Texte, ein wenig mehr von Volkmar, vom Leben meines Freundes zu verstehen. Vielleicht hilft mir auch der Advent, mir Ruhe dafür zu nehmen. Juden haben mich gelehrt, den Advent als Zeit der Gemeinschaft mit den Toten zu verstehen. Jüdische Gräber werden nicht umgebettet. Denn die Verstorbenen warten bis zum Wiedersehen wie wir Lebenden auf die Ankunft des Messias.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2009)

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