Schicksalsgemeinschaft

Da sagte Thomas zu den anderen Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben. Joh 11,161

BIMAIL VON Dominik Markl SJ

Was mag Ignacio Ellacuría gedacht und empfunden haben, als er in jener Novembernacht des Jahres 1989 aus seinem Zimmer gezerrt und mit dem Gesicht in den Rasen gezwungen wurde? Die Projektile sollten ihn durchdringen, um ihn auf ewig schweigen zu lassen. Doch können wir einige Hintergründe erahnen, warum er bereit war, das Risiko eines solchen Todes einzugehen.

Warum er sich nicht damit begnügen konnte, vom gekreuzigten Jesus zu sprechen, sondern vom „gekreuzigten Volk“ El Salvadors sprechen musste. Diese Ideen waren nicht erst während seiner Tätigkeit als Professor für Philosophie an der Zentralamerikanischen Universität entstanden. Sie gründeten wohl in Erfahrungen, die er während seiner Ausbildung als Jesuit gemacht hatte. Schon im Alter von sechzehn Jahren hatte er sich in den Exerzitien des Ignatius von Loyola geübt. In dieser Zeit des Schweigens begleitete er in der Fantasie Jesus in seinem Leiden am Karfreitag. Bald darauf wurde Ignacio nach El Salvador gesandt, wo er das Leiden der Menschen unter Armut und Ausbeutung mitempfand.

Geistig wurde Ellacuría in Innsbruck durch Karl Rahner geprägt, in Madrid durch den baskischen Philosophen Xavier Zubiri. Dessen Anliegen einer „empfindsamen Intelligenz“ verwirklichte Ellacuría, indem er sein Empfinden mit den Leidenden verband und die politische Dimension des Glaubens formulierte: „Fleisch gewordene Freiheit: die Sendung Christi und seiner Kirche“, lautet der Titel eines seiner Bücher. Solche Ideen sind Gift für Diktatoren. Zugleich bergen sie den Mut, das eigene Leben hinzugeben.

Ellacurías Fähigkeit des mutigen und bewussten Mitempfindens verbindet ihn mit dem Apostel Thomas: „Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben“, fordert er die anderen Jünger auf, im vollen Bewusstsein, dass für Jesus jene „Stunde“ gekommen ist, die die schrecklichste und letzte sein wird.

Thomas wird auch Didymus genannt, „Zwilling“. Er hatte das Privileg, eine schicksalhafte Nähe zu jenem anderen Menschen zu erfahren, mit dem er die neun Monate seines Heranwachsens im Mutterleib teilte, wohl aber auch seine Kindheit und die Spielgefährten, viele Charakterzüge und Gedanken. Als Zwilling hatte Thomas die Beziehungsstärke gewonnen, sich ganz auf Jesus und sein Anliegen einzulassen. Er wurde gleichsam zum Zwillingsbruder Jesu. Für ihn stand es außer Frage: Wenn Jesus sterben muss, dann will er mit ihm sterben.

In jeder wahrhaft menschlichen Begegnung zählt, wie viel Raum die oder der „Andere“ in meinem Erleben einnimmt. Mit wem teile ich meine Lebensräume, sodass wir einander nahe kommen können? Mit wem empfinde ich so starke schicksalhafte Gemeinschaft, dass mich seine Freude beglückt, ihr Schmerz mich quält? Mit wem wäre ich bereit zu sterben?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2010)

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